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Methodenpapier — IRR-Pflicht für S/O/D-Bewertung in der FMEA

·4 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Methodenpapier — IRR-Pflicht für S/O/D-Bewertung in der FMEA
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Adressat: Verband der Automobilindustrie (VDA), gemeinsam mit AIAG als Mitherausgeber des FMEA-Handbuchs 1st Edition 2019. Autor: Thomas Arends, Stand: 05.08.2026


1. Zusammenfassung
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2019 hat AIAG-VDA die Risikoprioritätszahl (RPZ = S × O × D) durch die Aufgabenpriorität (AP) ersetzt — eine Nachschlagetabelle statt einer Multiplikation. Der Schritt war richtig: eine Multiplikation ordinaler Skalen ist mathematisch unzulässig und versteckt die Schwachstelle unter dem Durchschnitt.

Der Schritt ist aber unvollständig. Er korrigiert die Verrechnung der drei Werte, nicht ihre Herkunft. S, O und D bleiben Experten-Schätzungen ohne Pflicht zum Herkunftsnachweis. Insbesondere O verlangt vom Bewerter, zwei Größen gleichzeitig zu schätzen — die intrinsische Auftretenswahrscheinlichkeit der Ursache und die Wirksamkeit der bereits vorhandenen Vermeidungsmaßnahme — und komprimiert beide in eine einzige Zahl, ohne festzuhalten, wie sicher sich der Bewerter dabei war.

Vorschlag: Eine verpflichtende Inter-Rater-Reliabilität (IRR, z. B. Cohen’s κ oder ICC) als Bedingung dafür, dass eine S-, O- oder D-Bewertung als belastbare Zahl in den Bericht geht. Ohne IRR-Beleg wird die Bewertung nicht gelöscht, sondern als das ausgewiesen, was sie ist: eine unbelegte Schätzung.


2. Der Bruch: was AIAG-VDA 2019 tatsächlich behoben hat
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Vorher (RPN, bis 4th Ed. AIAG)Nachher (AP, AIAG-VDA 2019)
S × O × D, eine KennzahlNachschlagetabelle über drei Bändern, dreistufiges Ergebnis (H/M/L)
Hohe Severity kann von niedrigem O/D wegmultipliziert werdenHohe Severity kann H erzwingen, unabhängig vom Produkt
Schwellwert-Arbitrage begünstigt („ab RPN 100 handeln")Schwellwerte fallen weg, Bänder sind diskret

Das ist eine echte Verbesserung der Aggregation. Sie sagt nichts über die Eingabe.


3. Warum das keine Lösung des eigentlichen Problems ist
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Ob S=7 oder S=8 richtig ist, entscheidet weiterhin der Mensch. AP verhindert nur, dass die Entscheidung anschließend wegmultipliziert wird.

Drei Beobachtungen, die im Handbuch nicht adressiert sind:

3.1 — O ist eine verdeckte Doppelschätzung. Die Ranking-Tabelle für O beschreibt Ursachenwahrscheinlichkeit unter Berücksichtigung der Vermeidungsmaßnahme. Das heißt: der Bewerter schätzt in einem Schritt (a) wie wahrscheinlich die Ursache ohne Kontrolle wäre und (b) wie gut die Kontrolle wirkt. Beide Unsicherheiten werden zu einer Ordinalzahl verschmolzen. Der Leser des Formblatts sieht „O = 4" und kann nicht unterscheiden, ob das eine gut belegte Ingenieursschätzung oder eine Verlegenheitsangabe ist.

3.2 — Keine Erfassung der Bewerter-Übereinstimmung. Das Handbuch verlangt Experten-Konsens im Workshop, aber keinen Nachweis, dass unabhängige Bewerter zu vergleichbaren Werten kommen. Ohne diesen Nachweis ist „S/O/D wurde im Team abgestimmt" keine Aussage über Validität, sondern über Gruppendynamik.

3.3 — Strukturell identisch mit dem RPN-Problem, nur eine Ebene tiefer. RPN wurde kritisiert, weil eine Rechnung Präzision suggerierte, die die Eingabewerte nicht hatten. AP entfernt die Rechnung — aber die Eingabewerte selbst tragen noch immer keine Herkunftsangabe. Der Schein von Präzision ist nicht verschwunden, er ist von der Ausgabe zur Eingabe gewandert.


4. Der Korrekturvorschlag
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Jede S-, O- oder D-Bewertung, die nicht aus Messung, Berechnung oder dokumentierter Inspektion stammt, sondern aus Experten-Einschätzung, erhält einen Pflicht-Herkunftsstatus.

measurement_methodBedingung für „belastbar"
telemetry / Prüfstanddatenper Definition belastbar
calculation / inspectionbelastbar, wenn Verfahren dokumentiert
observation / Experten-Schätzungnur belastbar mit IRR-Beleg (Cohen’s κ oder ICC ≥ 0,7, mindestens zwei unabhängige Bewerter)

Vier resultierende Status je Zelle:

StatusBedeutung
gemessenTelemetrie, Prüfstand, Feldrückläufer
geschätzt-mit-StreuungSchätzung mit dokumentiertem Unsicherheitsintervall
konservativ-geboundedobere Schranke gesetzt, nicht gemessen
strukturell-unsicherExperten-Schätzung ohne IRR-Beleg — Flag, keine Zahl

Eine strukturell-unsicher-Zelle wird nicht aus dem Formblatt entfernt. Sie erscheint als offener Punkt, nicht als belastbarer Wert im Bericht — analog zur bereits etablierten Praxis, dass eine unbewertete Zelle ein offener Punkt ist und keine niedrige Priorität.


5. Was nicht gefordert wird
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Um Missverständnisse zu vermeiden, die eine Abwehrreaktion auslösen könnten:

  • Keine neue Skala. S/O/D bleiben 1–10, AP bleibt H/M/L. Es wird nichts ersetzt, nur ergänzt.
  • Keine Abschaffung der Experten-Schätzung. Wo IRR-Belege fehlen, bleibt die Schätzung im Dokument — nur mit ehrlicher Kennzeichnung statt stillschweigender Gleichbehandlung mit gemessenen Werten.
  • Kein zusätzlicher Aufwand für jede Zelle. IRR wird stichprobenhaft erhoben (z. B. je Ranking-Anker einmal, nicht je Einzelbewertung) und gilt dann für vergleichbare Fälle, solange sich das Bewerterteam nicht ändert. Das ist ein Kalibrierungsschritt, kein Mehrfach-Rating.
  • Kein Automatismus, der Freigaben blockiert. strukturell-unsicher ist ein Warn-Status, keine Sperre — die Entscheidung, mit unsicherer Datenlage weiterzuarbeiten, bleibt beim Team, wird aber sichtbar dokumentiert statt verdeckt.

6. Einordnung — warum das jetzt eine Korrektur braucht, kein Neuentwurf
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Der AP-Wechsel 2019 zeigt, dass VDA/AIAG bereit sind, mathematisch unsaubere Praxis zu korrigieren, sobald sie klar benannt ist (RPN → Lookup war exakt so ein Schritt). Die hier beschriebene Lücke ist strukturell verwandt: nicht die Verrechnung ist das Problem, sondern die fehlende Kennzeichnung von Schätzung als Schätzung. Die Korrektur ist additiv zum bestehenden Handbuch, nicht konkurrierend dazu.


Thomas Arends. Korrekturvorschlag zur Publikation, 05.08.2026.