Finance vs. Entwicklung: Der teure Blindflug der IT
Oder: Warum wir für 30 Normen mehr ausgeben als für 400 Vorgaben
Es gibt diese Momente in Unternehmen, in denen man sich fragt: Haben die eigentlich noch alle Latten am Zaun?
Hier die Fakten: Im Finanzbereich geben Unternehmen zigtausende Euro für ERP-Systeme, WaWi-Software und Controlling-Tools aus. Der Grund? Sie müssen typischerweise etwa 30 maximal 110 Rechtsvorgaben im Steuerrecht. Klarheit und Wahrheit – so will es das Finanzamt. Jeden Beleg, jede Transaktion, jede Bewegung lückenlos dokumentiert, revisionssicher, GoBD-konform.
Und in der Entwicklung? Da jonglieren Teams mit 400+ eizuhaltenden Rechtsvorgaben/Normen pro Projekt. Komplexe Abhängigkeiten, kritische Geschäftslogik, Systemintegrationen, die das gesamte Unternehmen am Laufenhalten. Die Werkzeuge dafür? Excel. Word. PowerPoint. Vielleicht noch ein Wiki, wenn man Glück hat.
Karheit, Wahrheit Traceability? Fehlanzeige.
Im Engineering heißt es Traceability – die Rückverfolgbarkeit von Anforderungen über Design, Implementierung bis zum Test. Im Finanzwesen nennt man es Klarheit und Wahrheit nach § 146 AO. Beides meint das Gleiche: Nachvollziehbarkeit. Dokumentation. Beweisbarkeit.
Nur: Während das Finanzamt bei einer fehlenden Rechnung durchgreift, interessiert es niemanden, wenn in der Software-Entwicklung die Hälfte der Anforderungen im Nirvana verschwindet. Wenn keiner mehr weiß, warum Feature X gebaut wurde. Wenn Bug Y zum fünften Mal auftaucht, weil niemand dokumentiert hat, dass er schon dreimal „gefixt“ wurde.
A fool with a tool is still a fool – aber ohne Tool Sind Sie verloren
Ja, Tools allein machen noch keine gute Arbeit. Das stimmt. Aber der Umkehrschluss – „Wir brauchen keine Tools, wir haben ja kluge Leute“ – ist gefährlich naiv.
Alternativ, die Kosten aber doch so viel (und sind uralte ausgediente Hirsche von vor 12 Jahren) und sind nicht nahtlos verzahnt.
Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihrer Buchhaltung sagen: „Macht das mal mit Excel. Ihr seid doch clever genug.“ Das Finanzamt würde herzlich lachen. Und dann kommen die Prüfer.
Warum also glauben wir in der Entwicklung, dass Excel für 400 Vorschriften reicht?
Eine Beziehung besteht nicht nur aus Geld – aber sie stirbt ohne Fundament
Ja, Finanzen sind nicht alles. Eine gute Beziehung zwischen Business und Development braucht mehr als Budgets und Planungstabellen. Sie braucht Vertrauen. Kommunikation. Gemeinsame Ziele.
Aber wissen Sie, was Vertrauen schneller zerstört als alles andere? Chaos. Intransparenz. Wenn niemand mehr durchblickt, was eigentlich gebaut wird, warum es so lange dauert, und ob das überhaupt noch das ist, was bestellt wurde.
Ein solides Fundament – klare Anforderungen, nachvollziehbare Entscheidungen, dokumentierte Änderungen – ist keine bürokratische Spielerei. Es ist die Basis dafür, dass Business und Entwicklung überhaupt miteinander reden können.
Die unbequeme Wahrheit
Wir haben eine Schieflage. Eine massive.
- Im Finanzwesen: Hochspezialisierte Tools für überschaubare Regelwerke
- In der Entwicklung: Steinzeitwerkzeuge für exponentiell komplexere Aufgaben
Das ist nicht nur ineffizient. Es ist fahrlässig.
Denn während ein Buchungsfehler vielleicht 1.000 Euro Steuernachzahlung kostet, kann ein Fehler in der Architektur das ganze Geschäftsmodell torpedieren. Wenn kritische Anforderungen verloren gehen. Wenn niemand mehr weiß, welche Komponente wofür zuständig ist. Wenn das System zum digitalen Jenga-Turm wird, bei dem jede Änderung zum Risiko wird.
Was jetzt?
Es geht nicht darum, der Finanzabteilung ihre Tools wegzunehmen. Es geht darum, der Entwicklung endlich die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken.
Traceability ist kein Luxus. Es ist ein Grundbedürfnis.
Wenn Sie bereit sind, zigtausende Euro für die Buchhaltung auszugeben, sollten Sie auch bereit sein, in professionelles Requirements Engineering zu investieren. In Tools, die Anforderungen mit Code verbinden. In Prozesse, die Nachvollziehbarkeit von Anfang an mitdenken.
Denn am Ende des Tages gilt: Das Finanzamt prüft einmal im Jahr. Ihre Software läuft 365 Tage – und jeder Tag ohne Transparenz ist ein Tag auf Glatteis.
Noch Fragen? Lassen Sie uns reden.
Wenn dieser Artikel bei Ihnen ein „Das kann doch nicht sein“-Gefühl ausgelöst hat – gut. Genau das sollte er.