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Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

title: “Das Signal, das niemand hören wollte” date: 2026-07-23 draft: false description: “Suventionen: Das Signal, das niemand hören wollte.” tags: [“Politik”, “Steuerung”, “Sicherheit”, “Methode”]
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Das Signal, das niemand hören wollte
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Während dieser Tage im Kabinett darüber entschieden wird, ob die feste Einspeisevergütung für neue Solaranlagen ab 2027 ausläuft, wird wieder über die falsche Größe gestritten. Es geht um Kosten, um Übergangsfristen, um einen Cent mehr oder weniger. Es geht nicht um die eine Frage, die seit sechsundzwanzig Jahren offen ist: Was genau hat diese Förderung eigentlich gemessen?

Eine Einspeisevergütung bezahlt nicht dafür, dass jemand Strom braucht. Sie bezahlt dafür, dass Strom erzeugt wurde. Zwanzig Jahre lang, zu einem bei Inbetriebnahme festgeschriebenen Satz, unabhängig davon, ob in dieser Sekunde irgendwo ein Abnehmer existiert. Das ist keine Randnotiz der Konstruktion, das ist die Konstruktion. Der Preis ist in einem Stromnetz die einzige Größe, die die Information trägt, ob gerade jemand etwas braucht. Wer diese Größe für zwanzig Jahre festschreibt, schaltet nicht eine Zahl fest, sondern einen Sensor ab.

Was passiert, wenn man einen Regelkreis ohne Rückmeldung betreibt, kann man heute in jeder Mittagsstunde besichtigen. Die Börsenpreise rutschen bei starker Sonne ins Negative, weil mehr eingespeist wird, als abgenommen werden kann — und die Anlagen speisen trotzdem weiter ein, weil ihre Vergütung mit dem Preis nichts zu tun hat. Die Netzbetreiber halten das System mit Eingriffen aufrecht, deren Kosten inzwischen bei rund drei Milliarden Euro im Jahr liegen. Das Signal kommt an. Es wird nur nirgends verarbeitet, weil es keinen Empfänger mehr gibt.

Der zweite Teil ist der teurere. Zwischen 2004 und 2011 ist in Deutschland eine Solarindustrie entstanden, die nicht gegen einen Markt gebaut wurde, sondern gegen eine Vergütungskurve. Q-Cells war 2007 an der Börse acht Milliarden Euro wert. Im Jahr vor der Insolvenz standen einer Milliarde Umsatz rund 846 Millionen Verlust gegenüber; im April 2012 ging der Antrag beim Amtsgericht Dessau ein. Solon meldete im Dezember 2011 Insolvenz an, der Produktionsstandort bei Berlin wurde später geschlossen und der Firmensitz in die Emirate verlegt. Sovello in Bitterfeld-Wolfen folgte im Mai 2012, die Produktion wurde stillgelegt, die Insolvenzmasse Anfang 2013 versteigert. Solarworld, Soltecture, Odersun, Solar Millennium, Scheuten, Systaic. Eine ganze Branche innerhalb von etwa achtzehn Monaten.

Der Fall, der die Mechanik am klarsten zeigt, ist First Solar in Frankfurt an der Oder. 45 Millionen Euro Zuschuss für das Werk, 22 Millionen für die Erweiterung, letztere wenige Monate vor dem Aus. Zurückverlangen ließ sich nur der jüngere Betrag. Die 45 Millionen durfte das Unternehmen vertragsgemäß behalten, sofern die Produktion noch bis zu einem bestimmten Stichtag lief. Nicht: sofern das Werk trägt. Sofern es an einem Datum noch läuft. So sieht ein Vertrag aus, in dem nie definiert wurde, was Erfolg eigentlich sein soll.

Die übliche Erzählung lautet, das seien die Chinesen gewesen, oder die politischen Kürzungen von 2012. Beides beschreibt den Auslöser und verfehlt die Ursache. Ein Unternehmen, das eine Parameteränderung in der Gesetzgebung eines einzigen Landes nicht überlebt, war vorher nicht gesund und danach kaputt. Es war die ganze Zeit nicht lebensfähig — nur hat es das niemand gemerkt, weil die Größe, an der man es hätte merken können, durch die Förderung ersetzt worden war. Der Verlust ist der billigste und schnellste Fehlerdetektor, den ein System besitzt. Die Subvention beseitigt nicht den Fehler. Sie beseitigt die Anzeige. Der Fehler läuft weiter, unbeobachtet, und wird jeden Tag teurer, an dem er nicht korrigiert wird.

Deshalb ist das hier kein Streit über Klimapolitik. Man kann jede Annahme über Erderwärmung teilen und trotzdem sehen, dass hier zwei Dinge vermischt wurden, die nichts miteinander zu tun haben. Ob eine Technologie zugebaut werden soll, ist eine Zielfrage. Ob eine Struktur ohne Rückmeldung lebensfähig sein kann, ist keine. Der Zubau wurde erreicht — überwiegend mit importierten Modulen, nachdem die geförderte Fertigung verschwunden war. Das Ziel wurde also getroffen und der Apparat, den man dafür bezahlt hat, ist trotzdem tot. Wer das für einen Erfolg hält, hat den Adressaten nie definiert.

Der Test dafür ist billig und dauert eine Minute. Nenne die Messgröße, an der man den Erfolg der Maßnahme erkennt. Nenne das Toleranzband, innerhalb dessen sie als in Ordnung gilt. Nenne das Kriterium, bei dem sie endet. Wer eines der drei nicht liefern kann, hat keine Maßnahme beschlossen, sondern einen Zustand eingerichtet. Ein Zustand kann weder gelingen noch scheitern. Er kann nur länger dauern. Für die deutsche Solarfertigung wurde in sechsundzwanzig Jahren keine dieser drei Größen jemals festgelegt. Es gab Zubauziele. Es gab nie ein Kriterium für Tragfähigkeit.

Bezahlt hat das nicht der Staat. Bezahlt haben es über die Umlage die Haushalte und die Betriebe, die ihren eigenen Tragfähigkeitstest gerade bestanden, während das Geld an Strukturen ging, die ihn nicht bestanden. Das ist die eigentliche Bilanz: Lebensfähigkeit wurde besteuert, Nicht-Lebensfähigkeit wurde finanziert. Die Rechnung dafür läuft bis in die 2030er Jahre weiter, weil die Zusagen zwanzig Jahre binden; sie sinkt danach von selbst, ohne dass irgendjemand etwas entschieden hätte.

Und die aktuelle Debatte wiederholt exakt den Fehler. Es wird über die Höhe verhandelt, über Übergangsfristen, über Kilowatt-Schwellen. Über die Frage, woran man in zehn Jahren erkennen wird, ob das Ganze funktioniert hat, verhandelt niemand. Wer ein System vor der Rückmeldung schützt, rettet es nicht. Er verlängert nur die Zeit bis zum Aufprall — und schickt die Rechnung an die, die gerade arbeiten.


Quellen: EEG-Novelle 2026 (Kabinettsbefassung, Referentenentwurf BMWE); Agora Energiewende zur Kostenentwicklung der Solarförderung bis 2035; Redispatch-Kosten laut Berichterstattung zur EEG-Reform; Insolvenzchronologie Q-Cells (AG Dessau, April 2012), Solon (Dezember 2011), Sovello (Mai 2012); Fördermittel First Solar Frankfurt/Oder (Bund und Land Brandenburg).