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Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

title: “Eettungsschirme: Wer die Meldung abschaltet, hat den Fehler nicht behoben” date: 2026-07-23 draft: false description: “Rettungsschirme: Wer die Meldung abschaltet, hat den Fehler nicht behoben.” tags: [“Politik”, “Steuerung”, “Sicherheit”, “Methode”]

Rettungsschirme: Wer die Meldung abschaltet, hat den Fehler nicht behoben
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Ein Rettungsschirm ist keine Maßnahme gegen ein Scheitern. Er ist eine Maßnahme gegen die Meldung eines Scheiterns.

Der Unterschied ist nicht rhetorisch. Wenn ein Unternehmen zahlungsunfähig wird, hat der Regelkreis funktioniert: Es ist mehr abgeflossen als hereingekommen, über lange Zeit, und das System hat es korrekt angezeigt. Die Anzeige ist die einzige Information, die in dieser Lage überhaupt noch etwas wert ist. Ein Rettungsschirm greift genau dort ein — nicht an der Ursache, sondern an der Anzeige. Danach ist die Ursache unverändert vorhanden und nicht mehr sichtbar. Das ist in jeder Anlage, die ich in zwanzig Jahren gesehen habe, der Zustand kurz vor dem großen Schaden.

Galeria Karstadt Kaufhof ist das Lehrbuchbeispiel, weil es alle Stationen in vier Jahren durchlaufen hat. 2021 und 2022 flossen aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds insgesamt 680 Millionen Euro. Im Insolvenzverfahren 2023 entfiel ein Großteil der Ansprüche des Bundes; übrig blieb ein Nachrangdarlehen von 88 Millionen. Am 1. April 2024 wurde erneut ein Insolvenzverfahren eröffnet — das dritte seit 2020. Lieferanten, Vermieter und Geschäftspartner haben über zwei Verfahren hinweg auf Milliardenbeträge verzichtet, damit es weitergeht. Die Filialen, die zur Debatte standen, sind trotzdem geschlossen worden.

Man muss diese Geschichte nur einmal ohne das Geld durchrechnen. Dieselben Schließungen, dieselben Standorte, dieselbe Zahl an Beschäftigten, die sich neu orientieren mussten — nur eben vier Jahre früher, zu einem Zeitpunkt, an dem der Arbeitsmarkt besser war als heute. Und 680 Millionen Euro wären dort geblieben, wo sie erwirtschaftet wurden. Das ist die vollständige Bilanz des Eingriffs: kein einziges gerettetes Ergebnis, vier Jahre gewonnene Zeit für eine Struktur, die die Zeit nicht genutzt hat, und eine Rechnung an Dritte. Tod auf Raten, bezahlt von Leuten, die selbst gerade liefern.

Wer entgegnet, der Handel sei nun einmal unter Druck gewesen, bestätigt den Punkt. Der Anteil der Menschen, die überhaupt noch in ein Warenhaus gehen, sinkt seit zwei Jahrzehnten monoton. Das ist keine Störgröße, das ist die Rückmeldung des Adressaten, in aller Deutlichkeit und über zwanzig Jahre hinweg. Wer darauf mit Liquidität antwortet, hat die Botschaft nicht bestritten, sondern nur die Lautstärke geregelt.

Die zweite Eigenschaft dieser Konstruktionen ist noch weniger diskutiert: Sie hören nicht auf. Die FMS Wertmanagement übernahm zum 1. Oktober 2010 aus der Hypo Real Estate ein Portfolio im Nominalwert von 175,7 Milliarden Euro. Der ursprüngliche Abwicklungsplan war auf zehn Jahre angelegt. Seit 2012 wird jedes Jahr ein aktualisierter Plan vorgelegt, mit erweitertem Zeithorizont, jeweils gut begründet. Die Anstalt existiert bis heute. Ich sage nicht, dass diese Verlängerungen falsch kalkuliert sind — vermutlich sind sie es nicht. Ich sage, dass eine Maßnahme, deren Endkriterium bei jeder Prüfung neu bestimmt wird, kein Endkriterium hat. Und was kein Endkriterium hat, ist keine Maßnahme mehr, sondern eine Einrichtung.

Dazu kommt der Punkt, an dem die meisten Rettungen ingenieurstechnisch endgültig kippen. In jeder ernsthaften Fehleranalyse gilt: Wer den Fehler verursacht hat, darf ihn nicht allein beheben — nicht aus Misstrauen, sondern weil dieselbe Denkweise, die zur Abweichung geführt hat, die Korrektur entwerfen würde. Ein Rettungsschirm macht regelmäßig das genaue Gegenteil. Dieselbe Struktur, dieselbe Führung, dasselbe Geschäftsmodell, nur mit mehr Kapital ausgestattet. Wer so etwas in einer Serienfreigabe vorschlägt, bekommt sie nicht.

Und jetzt der Fall, der beweist, dass die Sache kein ideologischer Reflex ist. Die Lufthansa erhielt 2020 Stabilisierungsmaßnahmen über den WSF. Die gezogene stille Beteiligung von 1,5 Milliarden wurde im Oktober 2021 vollständig zurückgezahlt, die zweite über eine Milliarde ebenfalls, der nicht in Anspruch genommene Rest von rund drei Milliarden im November 2021 gekündigt, die KfW-Fazilität bereits im Februar 2021 vorzeitig getilgt. Am 13. September 2022 platzierte der Bund die letzten Aktien; über alle Verkäufe hinweg nahm der Fonds 1,07 Milliarden Euro ein und verbuchte einen Gewinn von 760 Millionen. Der Staat ist raus, früher als geplant, mit Plus.

Warum hat das funktioniert und Galeria nicht? Nicht wegen der Branche und nicht wegen der Größe. Sondern weil in dem einen Fall der Adressat intakt war und nur vorübergehend blockiert. Die Leute wollten weiter fliegen; sie durften nur nicht. Im anderen Fall wollten sie nicht mehr kommen, und zwar seit zwanzig Jahren, ohne dass sie jemand daran gehindert hätte. Daraus folgt das einzige Kriterium, das man in dieser Frage braucht — und es ist keine Meinung, sondern eine Zustandsabfrage: Stellt die Maßnahme den Regelkreis wieder her, oder ersetzt sie ihn?

Ist der Adressat vorhanden und die Verbindung zu ihm von außen unterbrochen, ist eine Überbrückung legitim. Dann braucht sie ein Datum, eine Rückzahlungsbedingung und eine Größe, an der man das Wiederanlaufen misst. Ist der Adressat weggegangen, ist jede Summe nur noch die Frage, wie lange man das Sterben strecken will und wer es bezahlt. Und die Antwort auf die zweite Frage ist immer dieselbe: die anderen. Die, die ihren eigenen Test gerade bestehen, deren Geld man abzieht und in Strukturen leitet, die ihn nicht bestehen. Das ist nicht Umverteilung von Reich zu Arm. Das ist Umverteilung von tragfähig zu nicht tragfähig — und wenn man es lange genug macht, verschiebt sich das Verhältnis von Trägern zu Getragenen so weit, dass niemand mehr da ist, der die nächste Rettung finanziert.

Wer also das nächste Mal einen Schirm aufspannen will, muss vorher drei Sätze sagen können: woran man den Erfolg misst, in welchem Bereich er als erreicht gilt, und an welchem Tag die Sache endet. Wer das nicht liefern kann, rettet nichts. Er verlängert nur, auf fremde Rechnung, und nennt es Verantwortung.


Quellen: Wirtschaftsstabilisierungsfonds, Bericht über das Geschäftsjahr 2022 (Deutsche Finanzagentur); Lufthansa Group Investor Relations, Stabilisierungspakete; WSF-Anteilsverkäufe und Ausstieg am 13.09.2022; Angaben BMWK/Finanzagentur zu Galeria Karstadt Kaufhof (680 Mio. €, 88 Mio. € Restdarlehen, Rückflüsse); Insolvenzeröffnung Galeria Karstadt Kaufhof GmbH am 01.04.2024; FMS Wertmanagement, Portfolioübernahme 175,7 Mrd. € zum 01.10.2010 und Abwicklungspläne seit 2012.