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Der Aluhut und der Altar

·4 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Der Aluhut und der Altar
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Über Glauben, Wahn und den Unterschied, der keiner ist
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Fangen wir mit zwei Definitionen an, beide unverdächtig, beide aus dem Wörterbuch.

Religion ist der Glaube an eine überirdische Macht und deren kultische Verehrung. Glaube ist, in seiner harten Lesart, ein Fürwahrhalten, das von Beweisen unabhängig ist — Wissen ohne Beleg. Wer beides nebeneinanderlegt, bekommt eine unbequeme Symmetrie geschenkt.

Auf der einen Seite steht der Mensch, der regelmäßig jemandem „da oben" etwas darbringt — Gebet, Opfer, Ritual — in der Hoffnung, dass es ihm dadurch besser ergeht. Auf der anderen Seite steht der Aluhutträger, der überzeugt ist, dass „da oben" eine böse Macht Strahlen aussendet, und der sich eine Aluminiumkappe aufsetzt, damit die Strahlen ihn nicht erreichen.

Strukturell ist das dasselbe Programm: eine unsichtbare Macht, eine ritualisierte Handlung, eine erhoffte Wirkung — und kein einziger Beleg, der das Verfahren stützt. Der eine baut eine Kathedrale, der andere bastelt einen Hut. Der Mechanismus ist identisch.

Naheliegende Schlussfolgerung: Dann ist technisch gesehen beides eine Psychose.

Das ist falsch. Und ausgerechnet warum es falsch ist, ist die eigentliche Pointe.

Die Psychiatrie hat eine präzise Antwort — sie ist nur nicht die erwartete
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Eine Psychose ist keine Beleidigung, sondern eine ernste medizinische Kategorie: ein Zustand veränderter Realitätswahrnehmung, häufig begleitet von massiver Angst. Ihr Kernsymptom ist der Wahn. Und für den Wahn gibt es eine Definition, die seit Jahrzehnten in den Diagnose-Handbüchern steht — im US-amerikanischen DSM ebenso wie in der ICD der WHO.

Ein Wahn ist demnach eine falsche Überzeugung, die jemand unerschütterlich festhält, obwohl praktisch alle anderen das Gegenteil glauben und obwohl es erdrückende Gegenbeweise gibt. So weit passt das auf beide — auf den Beter wie auf den Aluhut.

Doch dann kommt der entscheidende Zusatz, und er ist kein Nebensatz, sondern die halbe Definition: Ausgenommen sind Überzeugungen, die im kulturellen oder subkulturellen Umfeld der Person üblicherweise akzeptiert werden. Und als Lehrbuchbeispiel für genau so eine ausgenommene Überzeugung nennen die Handbücher wörtlich — den Glaubensartikel. Religion ist im Diagnose-Regelwerk also nicht zufällig nicht-psychotisch. Sie ist die buchstäbliche Beispielausnahme.

Damit liegt der offizielle Unterschied zwischen Wahn und Glaube nicht in der Wahrheit der Behauptung. Nicht in der Beweisbarkeit. Nicht in der Plausibilität. Er liegt einzig und allein in der Zahl derer, die mitglauben.

Das ist genau die These vom Anfang — die einzige Differenz ist gesellschaftliche Akzeptanz. Nur ist das eben keine zynische Außenbeobachtung eines Spötters. Es steht so im Lehrbuch. Der Aluhutträger ist allein, deshalb ist er ein Fall für die Klinik. Der Gläubige ist in Gesellschaft, deshalb ist er ein Fall für die Gemeinde. Dieselbe unbeweisbare Prämisse, dieselbe ritualisierte Reaktion — und der Ausschlag der Diagnose entscheidet sich an der Kopfzahl.

Warum ich „Religion ist Psychose" trotzdem nicht stehen lasse
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Genau hier muss man die Bremse ziehen, sonst schießt der Gedanke über sein Ziel hinaus.

Eben weil Psychose eine reale, oft quälende Krankheit ist, ist es nicht klug, Glauben mit ihr gleichzusetzen. Wer das tut, macht zwei Fehler auf einmal: Er verharmlost das Leiden derer, die tatsächlich krank sind — und er entkommt dem schwierigeren Argument, indem er sich hinter einer Diagnose versteckt. Religion ist keine klinische Kategorie. Sie muss es auch gar nicht sein. Die Pointe braucht die Diagnose nicht — sie braucht nur die Einsicht, dass die Grenze, die wir ziehen, eine soziale ist und keine erkenntnistheoretische.

Die Frage war nie „ist es wahr"
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Das ist der Punkt, den ich politisch setzen will.

Eine unbeweisbare Überzeugung ist per Definition jenseits von wahr und falsch — man kann sie weder widerlegen noch belegen. Deshalb ist „glaubst du das Richtige?" die langweiligste aller Fragen. Die einzig interessante Frage lautet: Was tust du damit?

Solange ein Glaube im eigenen Kopf bleibt, in der eigenen Wohnung, in der eigenen Gemeinschaft Gleichgesinnter — ist er vollständig geschützt, und das ist gut und richtig so. Niemand muss irgendjemandem seine Metaphysik rechtfertigen. Trag den Hut. Bring die Opfer. Bau die Kathedrale.

Die Linie wird in dem Moment überschritten, in dem eine nicht beweisbare Prämisse als verbindliche Regel auf das Leben von Menschen angewendet wird, die sie nicht teilen: in Gesetzen, in den Körpern anderer, in Schulbüchern, in der Frage, wer wen heiraten darf, in den Entscheidungen am Lebensende von Leuten, die einer ganz anderen oder gar keiner Konfession angehören.

Und genau daran zerbricht die ganze „Du bist Anti-irgendwas"-Rhetorik. Sie versucht, eine private Überzeugung in einen öffentlichen Loyalitätstest umzumünzen: Bist du für uns oder gegen uns? Aber die relevante Achse verläuft gar nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Sie verläuft zwischen denen, die ihre unbeweisbaren Prämissen auf ihrer Seite der Tür lassen — und denen, die sie zur Pflicht für alle erklären.

Schluss
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Glaub, was du willst. Das ist dein gutes Recht, und es ist nicht verhandelbar.

Aber in dem Augenblick, in dem du beginnst, eine nicht beweisbare Annahme als verbindliche Regel gegen Menschen durchzusetzen, die sie nicht teilen, ist die Frage nicht mehr, ob es Glaube oder Wahn ist.

Dann ist die Frage nur noch: mit welchem Recht.


Quellen: Glaube, Religion, Psychose (DWDS). Zur Wahn-Definition mit der ausdrücklichen Ausnahme für Glaubensartikel: DSM-5 sowie ICD der WHO.