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Eure Firma kann kerngesund aussehen und trotzdem schon tot sein

·5 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Eine Firma kann jedes Audit bestehen, jede Norm erfüllen, jedes Zertifikat an der Wand hängen haben – und trotzdem tot sein, ohne es zu wissen. Nicht metaphorisch. Strukturell tot: Der Zweck ist bereits weggebrochen, nur die Prozesse laufen noch weiter.

Kodak ist das bekannteste Beispiel, aber nicht das einzige. Und der Grund, warum es immer wieder passiert, ist banal: Die meisten Firmen messen, ob sie funktionieren – nicht, ob sie lebensfähig sind. Das sind zwei verschiedene Dinge, und der Unterschied lässt sich exakt beschreiben.

Der Einwand, den ich ernst nehme
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Der naheliegende Widerspruch lautet: Wir haben doch CMMI, ISO 9001, SPICE, wir haben KPIs, wir haben Reifegradmodelle. Wenn all das nicht ausreicht, was dann?

Der Einwand ist berechtigt – und trifft trotzdem den falschen Punkt. CMMI und Konsorten messen Prozess-Vorhersagbarkeit: Macht die Firma verlässlich das, was sie sich vorgenommen hat? Das ist eine legitime, orthogonale Frage. Nur beantwortet sie nicht, ob das, was sich die Firma vorgenommen hat, noch der richtige Zweck ist.

Boeing hat den 737-MAX-Prozess auf CMMI-Level 3 gefahren. Das Prozessmodell hat nicht versagt – es hat nie behauptet, für diese Frage zuständig zu sein. Wer Prozesskonformität mit Überlebensfähigkeit verwechselt, hat ein Blindenwerkzeug für den Bereich benutzt, in dem gerade das Licht ausging.

Was Lebensfähigkeit tatsächlich heißt
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Lebensfähigkeit heißt: Etwas funktioniert weiter, auch wenn sich die Welt drumherum ändert. Das klingt banal, ist es aber nicht, weil der Satz einen Bezug verlangt, den fast niemand vollständig ausspricht:

  • Für wen soll das System weiterleben? (Kunde, Patient, Bürger – nicht der Anbieter selbst.)
  • Wofür genau? (Der Zweck – nicht die aktuelle Lösung.)
  • In welcher Welt? (Markt, Gesetzeslage, Technologie – die sich verändert.)

Wer einen dieser drei Bezüge weglässt, hat keine Lebensfähigkeits-Aussage getroffen. Er hat eine Behauptung aufgestellt.

Kodak hat seinen Zweck an eine Lösung gebunden: „Wir verkaufen Filme." Als die Lösung obsolet wurde, war der Zweck mit ihr verschwunden. Hätte der Zweck gelautet „Wir helfen Menschen, Erinnerungen festzuhalten", hätte dieselbe Firma zur Digitalkamera-, zur App- oder zur Cloud-Foto-Firma werden können. Die Lösung darf sterben. Der Zweck nicht.

Fünf Pflichten – die Prüfliste, die tatsächlich prüft
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Damit eine Aussage über Lebensfähigkeit mehr ist als ein Bauchgefühl, müssen fünf Bedingungen erfüllt sein. Die erste ist ein Eintritts-Gate: Ist sie nicht erfüllt, sind die anderen vier nicht bewertbar.

Pflicht 1 – Sag klar, wofür und für wen. Siehe oben. Ohne diese Klarheit ist jede weitere Messung eine Messung des Falschen.

Pflicht 2 – Sag, wie es sein sollte, und datiere es. „Unsere Bremsen müssen sicher sein" ist kein Soll-Zustand, das ist ein Wort. Ein Soll-Zustand hat ein Datum, an dem er zuletzt gegen die Realität geprüft wurde. Ohne Datum weiß niemand, ob die Aussage noch gilt oder nur noch abgeheftet ist.

Pflicht 3 – Miss den Nutzen des Adressaten, nicht den Output des Anbieters. „50.000 produzierte Bremsen pro Jahr" ist keine Vital-Größe. „95 % der Bremsen sind nach 250.000 km noch sicher" ist eine. Der Unterschied: Die erste misst den Anbieter, die zweite den, für den das System eigentlich da ist.

Pflicht 4 – Zeig die Schwachstelle, nicht den Durchschnitt. Eine Kette mit zehn Gliedern, neun halten 1.000 kg, eines hält 100 kg – der Durchschnitt liegt bei 910 kg, die Wahrheit bei 100 kg. Wer mit Kompetenz-Durchschnitten von vier Bremsenentwicklern rechnet, während das schwierigste Bauteil an genau einem Mann kurz vor der Rente hängt, sieht das eigentliche Risiko nicht. Ein System ist so stark wie sein schwächstes relevantes Teil – nie stärker.

Pflicht 5 – Miss die Reaktionszeit, nicht die Absicht. Bei jeder Veränderung in der Welt zählen zwei Zeitpunkte: wann sie erkannt wurde, und wann reagiert wurde. Die Differenz ist eine Zahl, keine Selbsteinschätzung. Wichtig dabei: Reaktionszeit auf laute, dramatische Ereignisse ist fast immer gut. Reaktionszeit auf leise, schleichende Verschiebungen – eine Kundenstruktur, die sich über fünf Jahre in eine andere Branche verschiebt – ist fast immer schlecht, weil niemand hinschaut. Genau diese leisen Verschiebungen sind die gefährlichen.

Der eigentliche Trick: zwei Arten von Alterung
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Die meisten Steuerungssysteme prüfen nur eine Sache: Bewegt sich das Ist noch innerhalb des vereinbarten Rahmens? Läuft alles nach Plan?

Das übersieht die gefährlichere Frage: Ist der Rahmen selbst noch richtig? Kodak hat innerhalb seines Rahmens hervorragend funktioniert – Prozesse grün, Qualität grün, Marge grün – während der Rahmen selbst gegen eine Welt lief, die es nicht mehr gab. Diese zweite Art von Drift ist unsichtbar für jedes System, das nur gegen den eigenen Plan prüft, weil der Plan ja genau das Falsche geworden ist, wogegen man prüft.

Ein Reifegrad-Dashboard, das nur die erste Art von Drift zeigt, zeigt eine Firma, der es gut geht – bis sie tot ist.

Was das für den Alltag heißt
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Keine der fünf Pflichten verlangt neue Software, neue Methodik-Zertifikate oder ein weiteres Framework obendrauf. Sie verlangt eine einzige Disziplin: Bei jeder Kennzahl, jedem Soll-Zustand, jeder Reifegrad-Aussage die gleiche Frage zu stellen – Für wen ist das gut, seit wann gilt das noch, und ist das der Durchschnitt oder die Wahrheit?

Firmen, die diese Fragen ehrlich beantworten können, sind nicht zwangsläufig größer, schneller oder profitabler als andere. Aber sie wissen, wann sie sterben – bevor es passiert, nicht danach.


Das vollständige Methodenpapier mit allen fünf Pflichten, dem zugrundeliegenden Datenmodell (fünf Bausteinklassen: Ziel, Funktion, Lösung, Merkmal, Kontext) und den Vertiefungs-Boxen für Methodiker gibt es hier als PDF zum Download.