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Gemessen wird der Anbieter

·16 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Die Klimadebatte leidet nicht an fehlenden Daten. Sie leidet daran, dass die vorhandenen Daten an der falschen Stelle erhoben werden. Wer wissen will, ob eine Maßnahme wirkt, muss beim Adressaten messen, nicht beim Anbieter. Genau das passiert seit dreißig Jahren nicht, und deshalb steigen die Emissionen weiter, während die Berichte immer besser aussehen.

Dieser Text macht drei Dinge, in dieser Reihenfolge. Er stellt zuerst die Prüfkette vor, mit der sich das entscheiden lässt. Er legt dann die physikalische Datenlage offen, weil jede Kritik an der Klimapolitik wertlos ist, wenn sie die Physik nicht sauber trennt. Und er wendet die Prüfkette anschließend auf die laufenden Instrumente an, global und national. Das Ergebnis ist unbequem für beide Lager, was ein gutes Zeichen ist.


Teil 1: Die Prüfkette
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Ein System ist lebensfähig, wenn es seinen Zweck aus eigener Kraft erfüllt und die Erfüllung nachweisbar ist. Beides muss zutreffen. Ein System, das seinen Zweck erfüllt, aber es nicht nachweisen kann, ist nicht steuerbar. Ein System, das nachweisbar arbeitet, aber dauerhaft von außen alimentiert wird, ist kein System, sondern ein Patient.

Die Prüfung läuft in sieben Stufen, und sie bricht ab, sobald eine davon nicht besteht.

Zweck. Was soll erreicht werden, und woran wäre die Zielerreichung erkennbar? Ein Zweck, der nicht in eine Zielgröße übersetzbar ist, ist kein Zweck, sondern eine Absichtserklärung. Der häufigste Fehler an dieser Stelle ist, das Instrument mit dem Zweck zu verwechseln. Kodak hat Filme produziert statt Bilder. Die deutsche Autoindustrie produziert billige Autos statt Transport. Die Klimapolitik produziert Reduktionszusagen statt vermiedener Erwärmung.

Adressat. Wer trägt die Folge? Nicht wer zahlt, nicht wer entscheidet, nicht wer berichtet, sondern wer die Wirkung abbekommt. Solange der Adressat nicht benannt ist, ist jede Messung beliebig, weil kein Maßstab existiert, an dem sich die Zahl blamieren könnte.

Messung beim Adressaten!!! Hier entscheidet sich fast alles. Gemessen werden muss das, was beim Adressaten ankommt, nicht das, was der Anbieter geleistet hat. Anbieter-Messung ist die verbreitetste Form der Selbsttäuschung in Organisationen und in der Politik, weil sie immer verfügbar ist, immer gut aussieht und nie widerlegt werden kann. Aufgewendete Mittel, durchgeführte Aktivitäten, gemeldete Zahlen aus dem eigenen Bilanzraum: alles Anbieter-Messung. Das Bruttoinlandsprodukt ist der bekannteste Fall, das nationale Emissionsinventar der teuerste.

Toleranzband. Eine Messung ohne Unsicherheitsangabe trägt keine Entscheidung. Das ist keine akademische Feinheit, sondern die Grundlage jeder Messmittelfähigkeitsbetrachtung. Wenn die Streuung des Messverfahrens in derselben Größenordnung liegt wie die Regelabweichung, die man nachsteuern will, dann regelt man Rauschen. Die Frage, wie eine Gage R&R für ein nationales Treibhausgasinventar aussähe, ist nie gestellt worden. Sie wäre die produktivste Frage der gesamten Debatte.

Reaktionszeit. Ein Regelkreis funktioniert nur, wenn er schneller ist als die Störung. Stellglied, Sensor und Regler haben eigene Zeitkonstanten, und die längste bestimmt das Verhalten des Ganzen. Wenn das Stellglied vierzig Jahre braucht, der Sensor ein Jahr nachhinkt und der Regler alle vier Jahre ausgetauscht wird, ist das System nicht schlecht geführt, sondern strukturell nicht führbar. Das ist Regelungstechnik, keine Meinung.

Verursacherprinzip. Wer ein Problem verursacht hat, darf weder mit dessen Lösung noch mit dessen Messung beauftragt werden. Die Begründung ist nicht moralisch, sondern methodisch: Der Verursacher hat eine strukturelle Präferenz für die Diagnose, die seine bisherige Arbeit rechtfertigt. Selbstberichterstattung ist der Regelfall dieser Verletzung.

Lebensfähigkeitstest. Trägt sich die Maßnahme ohne dauerhaften Transfer? Wenn nicht, ist sie kein Instrument, sondern ein Empfänger. Subvention heißt in der Sache: Hier ist ein Kind, das ohne mich nicht lebensfähig ist. Das kann in einer Anlaufphase richtig sein. Es wird falsch in dem Moment, in dem der Transfer die Diagnose ersetzt, statt sie zu ermöglichen, und es wird zerstörerisch, sobald er eine Interessengruppe erzeugt, die von der Nichtlebensfähigkeit lebt.

Dazu kommt eine Darstellungsregel. Ein System wird auf einer Trajektorie abgebildet, nicht als Regelkreis. Die Kreisdarstellung suggeriert, dass die Pflege des Kreislaufs bereits die Leistung sei. Sie zeigt keine Richtung, keinen zurückgelegten Weg und keinen Abstand zum Sollzustand. Wer dreißig Jahre lang den Loop pflegt, ohne die Trajektorie zu zeichnen, merkt nicht, dass er sich vom Ziel entfernt hat.

Teil 2: Was physikalisch hält
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Bevor die Instrumente geprüft werden, muss die Datenlage sauber liegen. Wer die Klimapolitik angreift, ohne die Physik zu trennen, produziert nur Lärm und liefert die eigene Argumentation dem erstbesten Gegenargument aus. Also der Reihe nach, und zwar mit der Trennung zwischen dem, was hart ist, und dem, was ein breites Band hat.

Dass die Erhöhung der atmosphärischen CO₂-Konzentration menschlichen Ursprungs ist, gehört zu den bestbelegten Aussagen der gesamten Debatte, und der Nachweis kommt ohne jedes Klimamodell aus. Fossiler Kohlenstoff ist an dem Isotop ¹³C abgereichert, weil Pflanzen bei der Assimilation gegen das schwerere Isotop diskriminieren, und er enthält kein ¹⁴C mehr, weil dieses längst zerfallen ist. Genau dieser doppelte Fingerabdruck ist in der Atmosphäre messbar, und er verschiebt sich seit Beginn der Industrialisierung kontinuierlich in die erwartete Richtung. Vulkanisches oder ozeanisches CO₂ hätte eine andere Signatur.

Der zweite Nachweis ist noch schwerer zu umgehen. Der atmosphärische Sauerstoffgehalt nimmt ab, und zwar exakt in dem stöchiometrischen Verhältnis, das bei Verbrennung zu erwarten ist. Ausgasung aus dem Ozean verbraucht keinen Sauerstoff. Damit ist die verbreitete These, der Ozean sei die Quelle, quantitativ erledigt.

Der dritte ist eine schlichte Bilanz. Die Menschheit emittiert rund siebenunddreißig Gigatonnen CO₂ im Jahr, in der Atmosphäre bleibt etwa die Hälfte davon hängen. Ozean und Landbiosphäre sind also Nettosenken, nicht Quellen. Passend dazu sinkt der pH-Wert des Oberflächenwassers. Eine Quelle würde ihn anheben. Der Vulkanismus, der in dieser Debatte regelmäßig als Erklärung angeboten wird, liegt bei drei bis vier Zehntel Gigatonnen im Jahr, also bei etwa einem Prozent der menschlichen Emissionen.

Der vierte ist die direkte Messung des Effekts selbst. Feldman und Kollegen haben 2015 in Nature die bodennahe Rückstrahlung in den CO₂-Absorptionsbanden über ein Jahrzehnt hinweg gemessen und den vorhergesagten Anstieg gefunden. Harries und Kollegen hatten bereits 2001 das Spiegelbild von der Satellitenseite gezeigt, nämlich eine verringerte abgehende Infrarotstrahlung genau in den Banden von CO₂, Methan und Ozon. Das ist keine Modellrechnung, sondern Spektroskopie.

Der fünfte trennt den Treibhauseffekt von der Sonne. Die Stratosphäre kühlt, während die Troposphäre wärmt. Eine stärkere Sonne würde beide erwärmen. Dazu kommen Nächte, die sich schneller erwärmen als Tage, und Winter, die sich schneller erwärmen als Sommer. Die Solarkonstante ist seit etwa 1980 flach bis leicht fallend.

Die aktuellen Zahlen dazu: Das britische Met Office prognostiziert für 2026 ein Jahresmittel von rund 429 ppm am Mauna Loa gegenüber etwa 280 ppm vorindustriell. Die Weltorganisation für Meteorologie gibt für 2025 eine globale Mitteltemperatur von 1,44 Grad über dem Zeitraum 1850 bis 1900 an, mit einer Unsicherheit von 0,13 Grad, und weist die Jahre 2023 bis 2025 als die drei wärmsten der Reihe aus.

Nun zum Einwand, der in dieser Debatte am häufigsten unterschätzt und am seltensten korrekt formuliert wird. Der Strahlungsantrieb wächst nicht linear mit der Konzentration, sondern logarithmisch, nach der Näherung von etwa 5,35 mal dem natürlichen Logarithmus des Konzentrationsverhältnisses. Pro Verdopplung ergibt das rund 3,9 Watt pro Quadratmeter. Der Grenzbeitrag jedes zusätzlichen ppm fällt also mit dem Kehrwert der Konzentration. Der physikalische Grund ist die Sättigung im Zentrum der Fünfzehn-Mikrometer-Bande, wodurch der Zuwachs nur noch in den Bandenflanken stattfindet.

Der Einwand ist korrekt. Er entlastet nur nicht. Erstens bedeutet Sättigung nicht Wirkungslosigkeit: Auch im gesättigten Bandenzentrum verschiebt jede Zugabe die effektive Abstrahlhöhe nach oben in kältere Schichten, und kälter heißt weniger Abstrahlung ins All. Zweitens wachsen die Emissionen näherungsweise exponentiell, und ein logarithmischer Antrieb auf einer exponentiellen Konzentration ergibt in der Zeit einen ungefähr linearen Temperaturverlauf. Genau das wird beobachtet. Drittens sind 3,9 Watt pro Quadratmeter keine kleine Größe: Die Schwankung des Solarantriebs über einen elfjährigen Zyklus liegt bei etwa zwei Zehntel Watt pro Quadratmeter.

Wichtig für die Bewertung ist die Trennung zwischen dem, was ein enges Band hat, und dem, was ein breites hat. Der Strahlungsantrieb selbst ist auf wenige Prozent genau bekannt, weil er reiner Strahlungstransport ist. Der Temperatureffekt des CO₂ ohne jede Rückkopplung läge bei etwa 1,2 Grad pro Verdopplung. Die im sechsten IPCC-Bericht angegebene Bandbreite von 2,5 bis 4 Grad mit einem besten Schätzwert von 3 Grad entsteht fast vollständig aus Rückkopplungen, vor allem Wasserdampf, Eis-Albedo und Wolken. Dort sitzt die eigentliche Unsicherheit, und dort gehört sie auch benannt.

Was ehrlicherweise ein breites Band hat, ist Folgendes. Der kühlende Aerosolantrieb ist mit minus 0,2 bis minus 1,5 Watt pro Quadratmeter miserabel eingegrenzt, und die Schwefelregulierung in der Schifffahrt von 2020 hat vermutlich Erwärmung demaskiert, die vorher verdeckt war. Der Temperatursprung der Jahre 2023 und 2024 lag über den Modellerwartungen und ist bis heute nicht sauber erklärt. Regionale Projektionen und die Zuordnung einzelner Extremereignisse sind deutlich schwächer belegt als das globale Mittel. Wer aus einem einzelnen Hochwasser eine Kausalkette baut, überdehnt die Datenlage, und er beschädigt damit die belastbaren Teile der Argumentation gleich mit.

Damit steht die Physik. Sie ist nicht das Problem. Das Problem beginnt dort, wo aus dieser Physik Politik gemacht wird.

Teil 3: Unwirksamkeitsanzeigen auf globaler Ebene
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Die erste und folgenreichste Verletzung sitzt in der Messung. Nationale Emissionsinventare erfassen, was innerhalb einer Landesgrenze ausgestoßen wird. Das ist Anbieter-Messung in Reinform: Gemessen wird die Leistung dessen, der die Politik anbietet, nicht das Ergebnis beim Adressaten. Die Konsequenz ist keine Feinheit, sondern ein konstruktionsbedingter blinder Fleck. Wird eine Stahlproduktion nach Asien verlagert, verbessert sich die europäische Kennzahl, während die Atmosphäre mehr abbekommt, weil die Produktion dort emissionsintensiver ist und der Transport hinzukommt. Carbon Leakage ist in dieser Messgröße nicht schwer zu erkennen, sondern per Definition unsichtbar. Eine Messgröße, die sich verbessert, während sich der Zustand des Adressaten verschlechtert, ist keine unscharfe Messgröße. Sie ist die falsche.

Die zweite Verletzung betrifft das Verursacherprinzip. Unter der Klimarahmenkonvention berichtet jeder Staat seine eigenen Emissionen selbst. Der Verursacher betreibt das Messsystem über sich. An dieser Konstruktion ist das Kyoto-Protokoll substanziell gescheitert, und zwar nicht am bösen Willen, sondern an der Anreizlage: Wer sein eigenes Prüfergebnis erzeugt, wird systematisch die Auslegung wählen, die ihn entlastet. Das Pariser Abkommen hat den Fehler nicht behoben, sondern durch Freiwilligkeit der Zielsetzung verschärft. Beim Militär ist die Lücke sogar formalisiert: Die Berichterstattung ist nicht verpflichtend, weshalb die verbreitete Schätzung von etwa 5,5 Prozent Anteil an den globalen Emissionen aus einer Modellrechnung stammt und nicht aus einer Messung. Ihr Vertrauensbereich reicht von 3,3 bis 7 Prozent. Das ist keine Zahl, auf der man etwas aufbauen kann, und dass sie die einzige verfügbare ist, ist selbst der Befund.

Die dritte Verletzung ist die Reaktionszeit, und sie erklärt am meisten. Die Zeitkonstanten im System liegen um Größenordnungen auseinander. Kondensstreifen wirken über Stunden, Aerosole über Tage bis Wochen, Methan über etwa zwölf Jahre, CO₂ über Jahrhunderte. Der Kapitalstock, also Kraftwerke und Gebäude, hat eine Zeitkonstante von vierzig Jahren und mehr. Der Politikzyklus liegt bei vier Jahren, das Messsystem hinkt ein bis zwei Jahre nach. Ein Regelkreis mit dieser Kombination ist nicht schlecht geführt. Er ist nicht führbar.

Aus dieser Sortierung folgt unmittelbar eine Prioritätenliste, und das Bemerkenswerte daran ist, dass sie exakt mit derjenigen zusammenfällt, die man aus reinen Kostendaten herleitet. Die drei besten Maßnahmen nach vermiedener Tonne pro Euro sind das Schließen von Methanleckagen in der Öl- und Gasförderung, die Umroutung von Flügen zur Vermeidung klimawirksamer Kondensstreifen und die Reduktion der Fahrgeschwindigkeit in der Seeschifffahrt. Es sind zugleich die drei mit der kürzesten Reaktionszeit. Das Modell hätte das Ergebnis vorhergesagt, ohne eine einzige Kostenrechnung anzustellen. Bei den Methanleckagen kommt hinzu, dass ein erheblicher Teil zu negativen Nettokosten vermeidbar ist, weil das entweichende Gas verkäuflich wäre. Beim Langsamfahren skaliert der Treibstoffbedarf etwa mit der dritten Potenz der Geschwindigkeit, weshalb zehn Prozent weniger Geschwindigkeit grob ein Viertel des Verbrauchs einspart.

Die vierte Verletzung ist die Trajektorie. Der Konferenzprozess der Vertragsstaaten ist die Regelkreis-Pathologie im Reinzustand. Dreißig Jahreskonferenzen messen, ob man im Loop drin oder draußen ist, ohne den zurückgelegten Weg jemals gegen den Sollzustand aufzutragen. Über die gesamte Laufzeit sind die Emissionen gestiegen. Der Kreislauf wird gepflegt, die Richtung nicht verfolgt.

Beim Lebensfähigkeitstest fallen dann die Instrumente einzeln durch. Kompensationszertifikate, insbesondere aus Waldprojekten, haben in den Prüfungen der vergangenen Jahre ihre Additionalität in weiten Teilen nicht belegen können, womit das Produkt seinen Zweck definitionsgemäß verfehlt. Die direkte Luftabscheidung liegt bei industriellen Referenzanlagen in der Größenordnung einiger zehntausend Tonnen im Jahr gegenüber siebenunddreißig Milliarden Tonnen Emissionen, also bei einem Faktor von etwa einer Million. Als Forschungswette ist das legitim, als Bestandteil eines Reduktionsplans ist es unseriös.

Der europäische Grenzausgleich verdient eine genauere Betrachtung, weil er dem richtigen Prinzip am nächsten kommt und trotzdem am entscheidenden Punkt zu schwach konstruiert ist. Seit dem ersten Januar 2026 ist er in der definitiven Phase und erfasst Stahl, Aluminium, Zement, Dünger, Strom und Wasserstoff. Er bepreist den eingebetteten Kohlenstoff dieser sechs Sektoren. Damit verhindert er Verlagerung, aber er erzeugt keinen Beitrittsanreiz. Wer draußen bleibt, zahlt ungefähr das, was er ohnehin gezahlt hätte. Nordhaus hat gezeigt, was stattdessen nötig wäre: ein einheitlicher Mindestpreis unter den Mitgliedern und ein einheitlicher Zoll auf sämtliche Importe von Nichtmitgliedern, nicht nur auf deren Kohlenstoffgehalt. Nach seiner Rechnung genügen zwei bis vier Prozent auf den gesamten Handel, um eine Koalition bei fünfzig Dollar je Tonne stabil zu halten. Der Unterschied ist die Unstetigkeit: Erst wenn Draußenbleiben sprunghaft teurer wird, wird Beitreten strikt besser.

Dass das keine Theorie bleiben muss, zeigt der einzige funktionierende Präzedenzfall. Das Montrealer Protokoll hat vier Konstruktionsmerkmale, die sich benennen lassen: Nichtteilnahme wurde über ein Handelsverbot bestraft, Teilnahme wurde über einen Fonds subventioniert, die Einhaltung war wegen weniger Substanzen und weniger Produzenten verifizierbar, und die Zahl der relevanten Akteure war klein. Die wirksamste Klimavereinbarung der Geschichte ist folgerichtig auch keine Klimavereinbarung, sondern die Kigali-Änderung von 2016 zu den teilfluorierten Kohlenwasserstoffen, die grob vier Zehntel Grad vermeidet. Sie wurde nicht neu verhandelt, sondern an einen funktionierenden Vertrag angeschraubt, der bereits Durchsetzungsgewalt hatte.

Der laufende Realtest heißt Net-Zero Framework der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation. Er erfüllt fast alle Konstruktionsmerkmale: wenige Akteure, ein klar abgegrenzter Sektor, Schiffe über fünftausend Bruttoraumzahl decken über fünfundachtzig Prozent der Sektoremissionen ab und unterliegen bereits Meldepflichten, und die Durchsetzung liefe über Hafenstaatkontrolle, also über Marktzugang, genau wie bei Montreal. Er wäre der erste rechtlich bindende globale CO₂-Preis für einen ganzen Wirtschaftszweig. Er wurde im April 2025 gebilligt, im Oktober 2025 nach massivem diplomatischem Druck vertagt und soll nun im Dezember 2026 zur Abstimmung kommen. Von dreiundsechzig ursprünglichen Unterstützern stimmten fünfzehn für die Vertagung, zehn enthielten sich. Man kann an diesem Vorgang genau ablesen, woran das richtige Design scheitert: nicht an der Technik und nicht an der Messbarkeit, sondern daran, dass eine Durchsetzung, die wirkt, per Konstruktion jemandem wehtut.

Teil 4: Unwirksamkeitsanzeigen in Deutschland und Europa
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Der Ausgangspunkt ist eine Zahl, die in der nationalen Debatte selten in dieser Nüchternheit auftaucht. Deutschland hat nach Angaben des Umweltbundesamts 2025 rund 649 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente emittiert und damit gegenüber dem Vorjahr um 0,1 Prozent reduziert, also um knapp eine Million Tonnen. Seit 1990 beträgt die Minderung achtundvierzig Prozent. Der deutsche Anteil an den globalen Emissionen liegt bei etwa 1,6 Prozent.

Was daraus folgt, ist zunächst eine Feststellung zur Messgröße, nicht zur Politik. Die 649 Millionen Tonnen werden ohne Unsicherheitsband veröffentlicht und als Grundlage für Entscheidungen im dreistelligen Milliardenbereich verwendet. Es existiert keine veröffentlichte Untersuchung der Messmittelfähigkeit für nationale Treibhausgasinventare. Beim globalen Temperaturziel ist es nicht besser: Die Unsicherheit der Anomalie von 0,13 Grad beträgt etwa ein Drittel der verbleibenden Strecke bis zum vielzitierten Zielwert. Man regelt hier eine Größe, deren Streuung in derselben Größenordnung liegt wie die Regelabweichung. In jedem Fertigungsprozess wäre das ein Abbruchkriterium.

Der aufschlussreichste nationale Fall ist die Solarförderung, und zwar deshalb, weil sie das am häufigsten zitierte Erfolgsbeispiel ist. Sie besteht den Test an keiner einzigen Stelle.

Der Zweck war nie eindeutig festgelegt. Ging es um vermiedene Tonnen, um billigen Strom oder um den Aufbau einer heimischen Industrie? Diese drei Ziele haben unterschiedliche Adressaten und widersprechen sich im Instrument. Gemessen wurde folgerichtig beim Anbieter: installierte Gigawatt und Arbeitsplätze in der Branche. Beim Adressaten hätte man Euro je vermiedener Tonne oder Euro je gelieferter Kilowattstunde messen müssen. Beide Größen wurden nie zur Steuerungsgröße gemacht, und zwar weil sie das Ergebnis unmittelbar blamiert hätten.

Bei der Reaktionszeit liegt der handwerkliche Kernfehler. Zwanzig Jahre garantierte Einspeisevergütung, festgeschrieben zum Zeitpunkt der Installation, ist ein Stellglied mit zwanzig Jahren Totzeit. Die Degression war langsamer als die Kostenkurve der Module. Die Überkompensation der Jahre 2009 bis 2011 war deshalb keine Panne und kein Vollzugsdefizit, sondern die zwangsläufige Systemantwort. Ein Regler, der langsamer nachführt als die Störgröße sich bewegt, produziert genau diesen Überschwinger.

Der Lebensfähigkeitstest schließlich ist die eigentliche Pointe. Die geförderte Industrie wurde nie lebensfähig. Q-Cells, Solon und Conergy sind sämtlich zusammengebrochen, sobald sich die Förderstruktur änderte. Deutschland hat über die Umlage eine Größenordnung im hohen dreistelligen Milliardenbereich aufgewendet und verfügt heute über keine nennenswerte Modulfertigung. Das Kind war zu keinem Zeitpunkt lebensfähig, und der Transfer hat nicht die Diagnose ermöglicht, sondern sie zwei Jahrzehnte lang ersetzt.

Nun gibt es das Gegenargument, und es ist ernst zu nehmen, weil es das einzige belastbare ist: Die globale Lernkurve der Photovoltaik ist real. Die Lernrate liegt bei etwa zwanzig Prozent pro Verdopplung der kumulierten Kapazität, und die Modulpreise sind von rund vier Dollar je Watt auf unter fünfzehn Cent gefallen. Ohne die frühe europäische Nachfrage wäre das langsamer gegangen. Der Einwand rettet die Maßnahme trotzdem nicht, sondern präzisiert nur ihr Versagen. Die Lernkurve wurde von Herstellern eingesammelt, die ohne dieses Fördermodell skaliert haben. Deutschland hat die Demonstration bezahlt, ein anderer hat das lebensfähige System gebaut. Der Nutzen war ein Nebeneffekt, nicht das Ergebnis der Steuerung, und eine Rechtfertigung, die erst nachträglich und nur über einen unbeabsichtigten Effekt funktioniert, ist keine Rechtfertigung, sondern eine Ex-post-Erzählung.

Aus dem Lernkurvenargument folgt allerdings eine Regel, und die ist operativ brauchbar. Öffentliches Geld kann eine Kostendegression kaufen, aber nur einmal je Technologie und nur, solange die Kurve steil ist. Bei ausgereifter Technik gibt es nichts mehr zu kaufen. Damit ist die Gebäudesanierung im Bestand erledigt: Sie liegt je nach Tiefe bei mehreren hundert bis über tausend Euro je vermiedener Tonne, und es gibt keine Lernkurve, die sich mit diesem Geld verschieben ließe. Es ist der teuerste denkbare Einsatz öffentlicher Mittel mit dem geringsten Hebel, und er wird über Sektorziele erzwungen, die ihrerseits Anbieter-Messgrößen sind.

Das Gegenbeispiel im selben Feld zeigt, dass es auch anders geht. Die Wärmepumpe besteht den Test, sofern sie einen ohnehin fälligen Kesseltausch ersetzt und nicht einen funktionierenden vorzeitig verschrottet. Der Wirkungsgradunterschied zwischen einer Jahresarbeitszahl von drei bis vier und einer Verbrennung mit knapp unter eins ist thermodynamisch und nicht verhandelbar. Beim vorzeitigen Austausch dagegen wird graue Energie vernichtet, und die Bilanz kippt. Dieselbe Technik besteht oder scheitert also je nach Zeitpunkt, was genau der Punkt ist: Nicht die Technik entscheidet, sondern die Prüfkette.

Teil 5: Was den Test besteht
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Am Ende bleibt eine kurze Liste, und sie ist deshalb kurz, weil die Prüfung streng ist.

Das Schließen von Methanleckagen in der Öl- und Gasförderung besteht alle sieben Stufen. Der Zweck ist eindeutig, der Adressat benennbar, die Messung erfolgt satellitengestützt und damit unabhängig vom Verursacher, die Reaktionszeit liegt bei etwa zwölf Jahren statt bei Jahrhunderten, und die Maßnahme trägt sich ohne Transfer, weil das eingesparte Gas verkäuflich ist. Die Umroutung von Flügen zur Kondensstreifenvermeidung besteht ebenfalls, mit einer Reaktionszeit von Stunden und marginalen Zusatzkosten. Das Langsamfahren in der Seeschifffahrt besteht, weil die Physik der dritten Potenz die Wirtschaftlichkeit gleich mitliefert. Und Photovoltaik in einstrahlungsstarken Regionen besteht heute ohne jede Förderung, weil sie dort schlicht die billigste Erzeugungsform ist.

Vier Maßnahmen. Alle mit kurzer Reaktionszeit, alle mit unabhängiger Messbarkeit, alle ohne Dauertransfer. Sie stehen zusammen für eine erhebliche Wirkung, und keine von ihnen ist Gegenstand einer öffentlichen Debatte, weil keine von ihnen sichtbar ist. Sichtbarkeit und Wirksamkeit sind in diesem Feld nahezu unkorreliert, und das ist kein Zufall, sondern die direkte Folge davon, dass beim Anbieter gemessen wird: Was gut aussieht, ist das, was der Anbieter vorzeigen kann.

Was daraus für die Konstruktion folgt, lässt sich in einem Satz sagen. Regelgrößen mit Reaktionszeiten unterhalb des Politikzyklus, Messung beim Adressaten statt beim Anbieter, ein Messsystem in der Hand von jemandem, der nicht der Verursacher ist, und als letzter Filter die Frage, ob die Maßnahme ohne Dauertransfer läuft.

Die Physik ist geklärt. Die Instrumente sind es nicht, und sie werden es nicht dadurch, dass man sie länger betreibt. Wer eine Maßnahme nicht daran messen will, was beim Adressaten ankommt, hat sich bereits entschieden, das Ergebnis nicht wissen zu wollen.

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