775.260 Menschen haben ein „Professional Scrum Master I"-Zertifikat (Stufe E, Anbieterzähler, Stand Oktober 2026). Es gibt keine einzige unabhängige Studie, die prüft, ob eines dieser Zertifikate je ein Projekt besser gemacht hat.
Das ist das Muster.

Was ich geprüft habe#
Ich habe fünf Bereiche durchgesehen:
- Agile- und Projektmanagement-Zertifikate,
- IT- und Security-Zertifikate,
- Organisationszertifikate wie ISO 9001 und ISO 27001,
- Lizenzen für Fahrer, Lkw-Fahrer und Piloten, und
- Zertifizierung von Ärzten.
Die Frage: Gibt es eine gemessene Ergebnisgröße, die sich durch das Zertifikat verbessert hat?
- Unfallrate?
- Fehlerquote?
- Patientenergebnis
- Projekterfolg.
Was nicht zählt:
- Gehalt
- Zufriedenheit
- Bestehensquote.
Jede Zahl trägt ihre Belegstufe:
- A amtliche Daten,
- B unabhängige Forschung,
- C offene Messreihe eines Verbands,
- D Umfrage,
- E Aussage dessen, der daran verdient.
Das ist dasselbe Raster wie in „Was hilft wirklich?". Zahlen der Stufe E sind keine Belege. Es sind Behauptungen mit Interesse.
Der vollständige Bericht mit allen Quellen liegt als PDF bei.
Wo es wirkt: drei Mechanismen, kein Kurs#
Es gibt genau drei Konstellationen, in denen eine Zertifizierung nachweislich eine Ergebnisgröße verbessert hat.
Erstens: eine Mindestschwelle in einem gefährlichen Feld, in dem vorher gar kein Standard galt. Die Hebammen-Lizenzen der US-Bundesstaaten senkten 1900 bis 1940 die Müttersterblichkeit um 6 bis 7 Prozent (B, alt). Die Bedingung dafür ist eindeutig: hohe Gefahr und vorher keine Schwelle. Wer den Boden einzieht, fängt die Schlechtesten ab. Im Mittelfeld ändert sich nichts.
Zweitens: beaufsichtigte Praxis plus Zugangsbeschränkung. Gestufte Fahrerlaubnis in den USA: 15 bis 26 Prozent weniger Unfälle bei 16-Jährigen (A/B, Daten bis 2009). Begleitetes Fahren ab 17 in Deutschland: 17 bis 22 Prozent weniger Unfallbeteiligungen im ersten Jahr (A/B, 2007 bis 2011). Schweden, Übungsalter auf 16 gesenkt: rund 15 Prozent weniger Unfälle je gefahrenem Kilometer (B, 1990er Jahre). Der wirksame Bestandteil ist immer die Stunde am Steuer mit jemandem daneben. Der Unterricht selbst ist es nicht: Drei randomisierte Studien zur formalen Fahrausbildung liefern ein Risikoverhältnis von 1,01 bis 1,10 (B, alt). Schleudertraining erhöhte die Unfallzahlen sogar, bei Rettungswagen um rund 45 Prozent (C, alt).
Drittens: eine Prüfung, deren Punktzahl ein echtes Praxiskriterium vorhersagt. Bei kanadischen Ärzten steigt das Risiko einer begründeten Patientenbeschwerde um 38 bis 51 Prozent je zwei Standardabweichungen schlechterer Prüfungsleistung (B, 1993 bis 2005). In den USA sinken die Disziplinarmaßnahmen um rund 25 Prozent je Standardabweichung besserem Prüfungsergebnis (E mit offener Methodik, 1994 bis 2017). Das Instrument misst etwas. Aber: Es ist die Punktzahl, die vorhersagt. Nicht die Urkunde. „Bestanden" wirft genau die Information weg, die den Wert ausmacht.
Wo gemessen wurde mit Ergebnis null#
Die zweite Gruppe ist unangenehmer. Hier hat jemand gemessen.
Die Rezertifizierung amerikanischer Internisten: Ein Quasi-Experiment mit 1.930 Ärzten und 154.045 Patienten findet keinen Unterschied bei vermeidbaren Krankenhauseinweisungen (E, der Zertifizierer selbst hat gemessen, 1999 bis 2005). Eine unabhängige Studie an 68.213 Patienten findet keinen Unterschied in zehn Qualitätsmaßen (B, 2012 bis 2013). Der einzige randomisierte Versuch verfehlte seinen Endpunkt. Kosten des Programms: 5,7 Milliarden Dollar in zehn Jahren (B, Modellrechnung 2015).
Die britische Revalidation für Ärzte: 281.000 Ärzte, 85.000 Befragte, kein Nachweis besserer Patientensicherheit (B/D, 2015 bis 2017). Die Evaluation hat die Aufsichtsbehörde selbst bezahlt.
Die EU-Weiterbildungspflicht für Berufskraftfahrer, 35 Stunden alle fünf Jahre: Keine Evaluation mit Unfallzahlen, in keinem Mitgliedstaat. Die britische Regierung schrieb 2013, ein Wirkungsnachweis sei „very difficult". Von 748 Befragten sahen 349 keinen Sicherheitsgewinn (D, 2013). Die EU-Kommission nennt den erwartbaren Effekt in ihrer eigenen Folgenabschätzung „quite limited" (E, 2017).
Strengere Zahnarztlizenzen in den USA: keine bessere Zahngesundheit, Preise 14 bis 16 Prozent höher (B, alt).
Lehrerzertifikate: Unterschied von höchstens zwei bis drei Hundertstel Standardabweichung beim Lernerfolg (B, 1998 bis 2005).
Rettungsdienst: Patienten mit dem höher qualifizierten Team überlebten seltener, 9,2 gegen 13,1 Prozent (B, 2009 bis 2011). Mehr Qualifikation hieß mehr Eingriffe hieß mehr Zeit.
Wo nie gemessen wurde und am meisetn geworben wird#
Jetzt die Klasse, die im Mittelstand am häufigsten verlangt wird: Scrum Master, SAFe, PMP, PRINCE2, ITIL, ISTQB, IREB, CISSP, CCNA, Cloud-Zertifikate.
Für kein Zertifikat existiert eine unabhängige Studie, die das Zertifikat gegen eine objektive Ergebnisgröße misst. Kein Anbieter veröffentlicht Bestehensquoten. Kein Anbieter veröffentlicht, ob seine Prüfung irgendetwas vorhersagt. Kein Anbieter veröffentlicht, ob zwei Prüfer dasselbe Ergebnis erzeugen würden. (Würfeln könnte eine gleich gute Trefferquote haben.)
Was existiert, ist eine Überprüfung von 24 Studien zu Projektmanagement-Zertifikaten (B, 2004 bis 2021): 68 Prozent Umfragen, eine einzige mit echten Projektkennzahlen, fünf Studien positiv, sechs ohne Zusammenhang. Der größte Datensatz zu agilen Teams, 4.013 Teams, hat das Zertifikat gar nicht erst als Variable erhoben; das gewählte Skalierungs-Framework erklärt ein bis zwei Prozent der Teamleistung (B/D, 2021 bis 2023).
Was sonst existiert, sind Gehaltszahlen. Der Projektmanagement-Verband meldete 2023 eine Gehaltsprämie von 33 Prozent für sein Zertifikat, 2025 noch 17 Prozent (E, Interesse: eigenes Produkt). Der Methodenwechsel wird nicht erklärt. Ein Prüfungsdienstleister berichtet, 79 Prozent der Zertifizierten fühlten sich besser (E, Interesse: verkauft die Prüfung).
Und was die Nachfrage zeigt: 52 Prozent der Personalvermittler halten das PMP für wichtig. Unter den Fachvorgesetzten sind es 15 Prozent (B, USA, alt). Das Zertifikat wird vom Filter verlangt, nicht von der Arbeit.
Wenn Ihnen ein Anbieter sagt, sein Zertifikat sei „der Nachweis", fragen Sie nach drei Zahlen: Bestehensquote, Vorhersagekraft, Prüferübereinstimmung. Sie werden keine bekommen.
Zertifizierungsökonomie - oder - lets make money#
Jetzt zur Frage, wer woran verdient. Die Kette ist immer dieselbe.
Der Normautor verkauft das Dokument. Die Norm, nach der Sie zertifiziert werden sollen, ist ein kostenpflichtiges Produkt. Der Trainer verkauft den Kurs zum Dokument. Der Zertifizierer verkauft die Prüfung zum Kurs. Der Akkreditierer verkauft dem Zertifizierer die Erlaubnis zu prüfen. Und am Ende bezahlt der Geprüfte den Prüfer.
Dieser letzte Punkt ist der entscheidende. Der Geprüfte wählt und bezahlt den, der ihn prüft. Was das bewirkt, ist belegt:
Bei Medizinprodukten schickte eine Zeitung 2012 eine erfundene Hüftprothese zu 14 Zertifizierungsstellen. Die Stellen konkurrierten um Preis, Tempo und zugesagte Bestehensquote (C, investigativ, alt). Geräte, die zuerst in Europa durch diese Stellen zugelassen wurden, hatten ein 2,9-fach höheres Risiko für Rückrufe und Sicherheitswarnungen als Geräte, die zuerst durch die amerikanische Behörde gingen (B, 2005 bis 2016). Nach den Nachprüfungen verloren vier von zwölf Stellen ihre Benennung (C, 2013).
Bei Wirecard lautete das Ergebnis der Aufsicht gegen den Abschlussprüfer: zwei Jahre Mandatsverbot, 500.000 Euro, sieben von zwölf Prüfern gaben ihre Lizenz zurück, bevor sie entzogen werden konnte (A, 2023).
Bei ISO 9001 zeigt die Forschung Auswahl statt Wirkung:
- Die zertifizierten Firmen waren schon vor der Zertifizierung besser, danach wurden sie nicht besser (B, Spanien, Dänemark, USA, alt).
- Verliert eine Firma das Zertifikat, hat das keine messbare finanzielle Folge (B, 143 Firmen, alt).
Keine Studie misst ISO 9001 gegen Fehler, Rückrufe oder Reklamationen. Auditoren kommen mit dem Ergebnis in der Tasche, wie eine Interviewstudie dokumentiert (B, alt). Bei Prozessbewertungen im Automobilbereich schneiden die Praktiken am besten ab, die sich leicht auf Papier prüfen lassen: Dokumentation und Verlinkung. Am schlechtesten: ob die Prüfkriterien stimmen und was ein Fehler bewirkt (B, 34 Bewertungen, 2012 bis 2019). Geprüft wird, was prüfbar ist, nicht das was wirkt.
Und Deutschland? Deutschland hat mit 33 Prozent den höchsten Anteil lizenzierter Beschäftigter in der EU (B/D, 2015). Schweden und Dänemark liegen bei 14 bis 15 Prozent, Großbritannien bei 19,5.
Deutschland überprüft kein einziges dieser Zertifikate auf Ergebnis! Nicht die Meisterpflicht: Die Wiedereinführung 2020 stützt sich auf Registerzahlen des Handwerksverbands, nicht auf eine Mängelstatistik; die Monopolkommission stellt ausdrücklich fest, dass kein Gutachten einen Qualitätsverlust belegt (A, Gesetzgebungsverfahren 2019). Nicht den Facharzt. Nicht die Fortbildungspunkte, die in Bayern 2008 nur 23 Prozent der Ärzte vollständig hatten (A, alt). Nicht die Fahrschulpflicht. Nicht die Berufskraftfahrer-Weiterbildung. Die Akkreditierungsstelle des Bundes berichtet Verfahrenskennzahlen, aber keine Entzugs- und keine Wirkungsstatistik (A, Bundestagsdrucksache 2024).
Was die Lizenzökonomie insgesamt misst: Löhne steigen um rund 15 Prozent, Beschäftigung sinkt um 29 Prozent, der Wohlfahrtsverlust liegt bei 12 Prozent des gesamten Berufsertrags (B, Strukturmodell, USA 2015 bis 2018). Qualität: keine Änderung.
Das ist die Ökonomie. Sie produziert Dokumente, Kurse, Prüfungen und Akkreditierungen. Sie produziert keinen gemessenen Nutzen beim Käufer. Und sie wird dort am dichtesten, wo am wenigsten gemessen wird.
Was ein Zertifikat können müsste#
Aus der Evidenz, nicht aus Meinung:
- Die Prüfung misst dasselbe, was in der Praxis zählt. Die Arztprüfung fragt klinische Entscheidungen ab, und klinische Entscheidungen erzeugen Beschwerden. Ein Multiple-Choice-Test zu einem Rahmenwerk misst, ob jemand das Rahmenwerk gelesen hat.
- Die Punktzahl wird gegen ein Register validiert. Beschwerden, Unfälle, Fehler. Ohne diese Validierung weiß niemand, ob die Prüfung etwas vorhersagt.
- Die Punktzahl bleibt sichtbar. „Bestanden" vernichtet die Information.
- Zwei Prüfer kommen zum selben Ergebnis. Die Übereinstimmung wird gemessen und veröffentlicht.
- Die Bestehensquote wird veröffentlicht. Eine Prüfung, die fast jeder besteht, trennt nichts.
- Beaufsichtigte Praxis ist Teil der Zertifizierung, nicht Kurs plus Test.
- Der Prüfer wird nicht vom Geprüften gewählt und bezahlt.
- Rezertifizierung hängt an Leistungsdaten, nicht an gesammelten Punkten.
Kein Agile-, IT- oder Management-Zertifikat erfüllt auch nur eines dieser Kriterien.
Was Sie morgen tun können#
Hier endet die Diagnose. Jetzt die Maßnahme, je nachdem, wer Sie sind.
Sie stellen ein. Streichen Sie das Zertifikat aus der Stellenanzeige. Verlangen Sie stattdessen eine Arbeitsprobe und führen Sie ein strukturiertes Interview. Die Vorhersagekraft für Arbeitsleistung liegt beim strukturierten Interview bei 0,42, beim Fachwissenstest bei 0,40, bei der Arbeitsprobe bei 0,33, bei Berufsjahren bei 0,07 (B, Meta-Analyse 2022). Zertifikate sind in dieser Rangliste nicht einmal einzeln ausgewiesen.
Der Prüfsatz dazu: Wenn das Zertifikat nur Dokumentwissen misst, dann senkt eine Arbeitsprobe statt Zertifikatspflicht Ihre Fehlbesetzungen.
Messgröße: Abbrüche in der Probezeit und Nacharbeit in den ersten sechs Monaten, verglichen mit Ihren letzten zehn Einstellungen.
Frist: zwölf Monate.
Abbruch: Wenn sich dadurch nichts ändert, war das Zertifikat nicht das Problem.
Sie kaufen ein und auditieren Lieferanten. Hören Sie auf, ISO 9001 als Qualitätsnachweis zu lesen. Es ist ein Nachweis, dass jemand ein Audit bezahlt hat. Verlangen Sie die Fehlerquote der letzten zwölf Monate, die Reklamationsrate und die Reaktionszeit bei Abweichungen. Das sind Zahlen, die der Lieferant selbst erhebt und gegen die Sie ihn vergleichen können. Ein Lieferant, der sie nicht adhoc nennen kann, hat kein Qualitätsmanagement, egal was an der Wand hängt.
Sie zertifizieren oder bilden aus. Die Belege liegen bei Ihnen, nicht bei mir. Deshalb kein Vorwurf, sondern ein Prüfvorschlag. Belegte Abweichung: Für Ihr Zertifikat liegt keine Vorhersagestudie vor. Mögliche Ursachen, geschätzt: Die Prüfung misst Dokumentwissen; oder sie misst Kompetenz, aber niemand hat es geprüft. Prüfschritt: Nehmen Sie 500 Zertifizierte der letzten drei Jahre, ihre Punktzahl und eine Ergebnisgröße ihrer Arbeitgeber, etwa Projektabbrüche oder Fehlerquote. Trennschärfe: Korreliert die Punktzahl mit der Ergebnisgröße, misst die Prüfung Kompetenz und Sie sollten die Punktzahl ausweisen statt „bestanden". Korreliert sie nicht, misst die Prüfung Dokumentwissen und Ihr Zertifikat ist ein Kursnachweis. Frist: 18 Monate. Abbruch: Finden Sie keine Arbeitgeber, die Ergebnisdaten liefern, dann hat Ihr Zertifikat keinen Adressaten, der es für die Arbeit braucht. Das wäre ein Ergebnis.
Sie machen Gesetze oder Verordnungen. Keine Zertifikatspflicht ohne vorab definierte Ergebnisgröße und Evaluationstermin. Die EU hat 2003 eine Weiterbildungspflicht für Lkw-Fahrer beschlossen und bis heute keine Unfallzahl dazu erhoben. Das Handwerk hat 2020 zwölf Berufe zurück in die Meisterpflicht geholt, ohne eine Mängelstatistik. Beides wäre mit einer Zeile im Gesetz zu verhindern gewesen: „Die Wirkung wird am Datum X an der Größe Y gemessen. Fehlt der Nachweis, tritt die Pflicht außer Kraft."
Der Preis des Nichthandelns#
Sie zahlen weiter Kurse, Prüfungen und Audits. Sie bekommen weiter Dokumente. Sie erfahren weiter nicht, ob Ihre Leute oder Ihre Lieferanten etwas können. Die Dichte der Zertifikate steigt, die Messung bleibt aus, und die eine Branche, in der jemand nachgemessen hat, zeigt ein 2,9-fach höheres Rückrufrisiko.
