Die deutsche Energiedebatte kennt im Wesentlichen zwei Lager.
- Das eine hält Sonne und Wind für die vollständige Antwort und alles andere für Verzögerungstaktik.
- Das andere hält beides für naiv und wünscht sich leise die alte Ordnung zurück.
Beide Lager messen dieselbe einzige Zielgröße: CO2 pro Kilowattstunde. Sie unterscheiden sich nur in der Frage, ob diese Zielgröße überhaupt relevant ist. Keines der beiden Lager stellt die eigentlich interessante Frage: Ist eine Zielgröße, bei der die Lieferkette systematisch aus der Betrachtung fällt, überhaupt eine vollständige Zielgröße?
Sie ist es nicht.#
Ein System, das nur fortbestehen kann, solange eine einzelne fremde Instanz willens ist, es zu beliefern, ist im Sinne des Lebensfähigkeitsmodells nicht lebensfähig, unabhängig davon, wie niedrig sein CO2-Ausstoß ist.
Lebensfähigkeit heißt: Ein System kann aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln fortbestehen. Ein Stromnetz, dessen Erzeugungsanlagen zu einem Großteil aus einer Fertigungskette stammen, auf die man selbst keinen belastbaren Zugriff hat, erfüllt dieses Kriterium nicht. Es hat lediglich sein Abhängigkeitsproblem verlagert, vom Öltanker zum Frachtcontainer.
Das ist die eigentliche Pointe, die in der deutschen Debatte fast nie ausgesprochen wird: Die Seite, die sich für die konsequent grüne Lösung hält, hat exakt dasselbe Souveränitätsproblem wie die Seite, die sie kritisiert, nur eine Fertigungsstufe weiter hinten. Die Photovoltaikmodule, die auf deutschen Dächern verbaut werden, kommen zum weit überwiegenden Teil aus einer Lieferkette, die in nahezu jeder relevanten Verarbeitungsstufe von einem einzigen Land dominiert wird. Wer diesen Punkt ausblendet und gleichzeitig russisches Erdgas als Sicherheitsrisiko benennt, betreibt Anbietermessung mit wechselndem Anbieter, nicht Adressatenmessung von Versorgungssicherheit.Kann man machen, ist aber das Gleiche, mit anderen Vorzeichen.
Was Adressatenmessung hier bedeuten würde#
Der Fehler ist strukturell derselbe, den ich an anderer Stelle für die Klimapolitik im Ganzen beschrieben habe: Gemessen wird, was der Erzeuger vorzeigen kann, nicht das, was beim Adressaten tatsächlich ankommt. Übertragen auf Energiepolitik heißt Adressatenmessung nicht nur “wie viel CO2 wurde vermieden”, sondern zusätzlich:
Kann dieses System im Ernstfall, also bei Lieferunterbrechung durch eine einzelne fremde Instanz, weiterversorgen? Wenn die Antwort Nein lautet, ist die CO2-Zahl irrelevant, weil das System die Grundvoraussetzung seiner eigenen Existenz nicht erfüllt.
Das ist kein Plädoyer gegen erneuerbare Energien. Es ist ein Plädoyer dafür, Souveränität als gleichrangige zweite Zielgröße neben CO2 zu führen, und zwar mit derselben Zahlen-Daten-Fakten-Disziplin, die man beim Klimaschutz einfordert. Das folgende ist der Versuch, diese zweite Zielgröße technisch zu unterlegen. Es ist ein Katalog, kein abgeschlossenes Urteil. Wer belastbare Ergänzungen hat, soll sie nachtragen.
Technischer Stand: Erzeugung#
Solar (PV): CO2-arm im Betrieb, aber die Zellfertigung ist auf allen relevanten Veredelungsstufen (Polysilizium, Wafer, Zellen, Module) zu einem sehr hohen Anteil in einem einzigen Land konzentriert. Der Rohstoff Silizium selbst ist global unproblematisch, die Verarbeitungsindustrie nicht.
Wind: Ähnliches Muster bei Permanentmagneten für Direktantriebs-Turbinen (Seltene Erden, Verarbeitung stark konzentriert). Getriebeturbinen ohne Permanentmagnete existieren als Alternative, sind aber wartungsintensiver.
Uran/Kernkraft: Abbau ist der am wenigsten konzentrierte Rohstoff in dieser gesamten Betrachtung, Kasachstan, Kanada, Namibia und Australien stellen zusammen den überwiegenden Teil der Weltförderung, ein einzelnes Land kommt nur auf einen niedrigen einstelligen Prozentanteil. Die Anreicherung ist dagegen wieder konzentriert, dort dominiert Russland einen sehr großen Teil der Weltkapazität. Lebenszyklus-CO2 liegt auf dem Niveau von Windkraft, deutlich unter Photovoltaik.
Fusion: Erzeugungstechnologie, kein Speicherproblem-Löser. Frühestens 2040er Jahre kommerziell relevant, für die nächsten anderthalb Jahrzehnte ohne praktische Bedeutung für die aktuelle Debatte.
Technischer Stand: Speicherung, nach Zeitskala#
Stunden (Lastglättung, täglicher Zyklus): Batteriespeicher, ob Lithium-Ionen oder Natrium-Ionen, sind hier wirtschaftlich sinnvoll, weil sich ihre Kapitalkosten über viele tägliche Zyklen amortisieren. Beide Chemien sind bei der Zellfertigung und insbesondere bei den Anodenmaterialien (Grafit- beziehungsweise Hard-Carbon-Veredelung) stark auf ein einzelnes Land (China) konzentriert, unabhängig davon, woher der Rohstoff selbst stammt.
Tage (mehrtägige Dunkelflaute): Hier versagt die Batterieökonomie strukturell, weil sich Kapitalkosten bei seltener Vollzyklierung nicht amortisieren. Eisen-Luft-Batterien (reversible Rostbildung, direkt elektrochemisch) sind der aussichtsreichste Kandidat, der zugleich souveränitätstauglich ist: Rohstoff- und Fertigungsbasis liegt bei Stahlindustrie-Standardtechnologie, nicht bei kritischen Mineralien. Wirkungsgrad liegt bei etwa 35 bis 60 Prozent Round-Trip, deutlich unter Lithium-Ionen, aber bei einem Bruchteil der Kapitalkosten pro Kilowattstunde. Redox-Flow-Batterien sind eine zweite Option in dieser Zeitklasse, bei Vanadium-Systemen bleibt die Materialbasis allerdings nur teilweise diversifiziert.
Wochen bis Saison: Hier gibt es nach heutigem Stand keine Alternative zu chemischer Speicherung, Wasserstoff, Ammoniak oder Methanol. Der entscheidende Vorteil ist, dass das bestehende Erdgasnetz inklusive Kavernenspeicher bereits heute ein Vielfaches des rechnerischen Bedarfs an Speichervolumen bereithält, ohne dass neue Infrastruktur gebaut werden müsste. Der Flaschenhals liegt vollständig bei der Elektrolyse: PEM-Elektrolyseure ((Proton Exchange Membrane) ist ein modernes Verfahren, um Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten.) benötigen Iridium- und Platinkatalysatoren, deren weltweite Jahresproduktion für einen relevanten Ausbau schlicht nicht ausreicht. Alkalische Elektrolyseure kommen ohne diese Materialien aus und sind damit der souveränitätstaugliche Pfad, allerdings mit geringerer Stromdichte und langsamerer Lastfolge. Rundlaufwirkungsgrad liegt je nach Route zwischen 20 und 40 Prozent netto, bei Methanisierung deutlich darunter.
Mechanisch, ohne zeitliche Einschränkung: Pumpspeicher und Druckluftspeicher sind vollständig souverän, Standardindustrie ohne kritische Rohstoffe. Das Problem ist hier nicht Lieferkette, sondern Geografie, in Deutschland ist der Ausbau praktisch ausgereizt.
Kostenhebel bei der Elektrolyse, ohne neue Technologie#
Der Weg zu niedrigeren Investitionskosten läuft nicht über einen technologischen Durchbruch, sondern über bekannte Industrialisierungshebel: Reduktion der Katalysatorbeladung bei PEM, konsequenter Umstieg auf alkalische oder Anion-Austausch-Membran-Systeme ohne Platingruppenmetalle, und reiner Fertigungsskaleneffekt. Fraunhofer ISE beziffert allein den Skaleneffekt bei alkalischen Großanlagen auf eine Kostensenkung von über 30 Prozent bis 2030, ohne dass sich an der zugrundeliegenden Chemie etwas ändert.
Was in der aktuellen Debatte fehlt#
- Eine Zielfunktion, die Souveränität gleichrangig neben CO2 führt, mit derselben Zahlendisziplin.
- Die Anerkennung, dass jede der drei großen Lager-Positionen, Wind und Solar, fossile Fortführung, Kernkraft, ihr eigenes ungelöstes Lieferkettenproblem hat und keine davon durch moralische Überlegenheit gegen dieses Problem immun ist.
- Ein gestaffeltes Speicherportfolio nach Zeitskala statt einer einzigen bevorzugten Technologie, weil die ökonomische Logik von Stunden-, Tage- und Saisonspeicherung fundamental unterschiedlich ist und keine einzelne Technologie über alle drei Zeitskalen wirtschaftlich bleibt.
Das hier ist ein technischer Stand, kein fertiges Urteil.
Die Sache, bei der ich keinen Diskussionsbedarf sehe, ist:
Eine Debatte, die achtzig Prozent ihrer Redezeit auf Emotion statt auf Lieferkettendaten verwendet, wird die Souveränitätsfrage nicht lösen, egal welches Lager am Ende gewinnt.
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