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Überm Neckar ganz tief

·5 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

“Überm Neckar ganz tief!”

Ein Segelfliegerkollege, gefragt über Funk “Wo bist Du?” antwortete:

„Überm Neckar ganz tief — lass mich mal in Ruh."

Wer nicht fliegt, hört einen ruppigen Spruch. Wer fliegt, hört eine Zustandsmeldung. Tief über dem Neckartal heißt: wenig Höhe, enges Tal, kaum brauchbare Außenlandefelder, jede Sekunde Aufmerksamkeit gebunden. Der Mann war nicht unhöflich. Er hatte schlicht keine Reserve mehr für irgendetwas, das nicht unmittelbar das Fliegen war.

Ähnlich war ich die letzten Jahre unterwegs. Jetzt habe ich wieder Luft. Und weil man mich fragt, warum hier plötzlich Artikel und Methodenbeschreibungen in Serie erscheinen, schreibe ich einmal auf, was ich dafür für die Ursache halte — in prüfbarer Form, damit man mir widersprechen kann.

Die These
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Ideenknappheit ist überwiegend ein Reserve-Problem, kein Kreativitätsproblem.

Ich hatte in den letzten Jahren nicht weniger Einfälle als heute. Ich hatte weniger Höhe. Und Höhe ist im Segelflug keine Bequemlichkeit, sondern die einzige Währung, aus der Handlungsspielraum entsteht: Höhe mal Gleitzahl ergibt die Menge der Plätze, die ich noch erreiche. Schrumpft diese Menge auf ein Element, gibt es keine Entscheidungen mehr — nur noch Ausführung. Man denkt dann nicht schlechter. Man denkt nur ausschließlich über das eine nach, was gerade nicht abstürzen darf.

Übersetzt auf Arbeit: Wer für den Kunden im Dauer-Ausführungsmodus steckt — Kunde brennt, Task-force, Projekt kippt, Leute liefern nicht —, produziert weiter Lösungen. Aber er produziert sie innerhalb des Rahmens, in dem er steckt. Den Rahmen selbst zu wechseln kostet Reserve, die er nicht hat.

Was dagegen spricht
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Der stärkste Einwand ist nicht schwach, deshalb nenne ich ihn zuerst: Not macht erfinderisch. Das ist empirisch nicht aus der Luft gegriffen. Enge Constraints erzwingen Verzicht auf Ballast, verkürzen Entscheidungswege und töten Optionen, die man sonst monatelang mit sich herumschleppt. Viele gute Produkte sind unter Druck entstanden, nicht in der Hängematte.

Der Einwand trägt — für eine bestimmte Sorte Ergebnis. Druck ist ein hervorragender Optimierer innerhalb eines gegebenen Rahmens. Er ist ein miserabler Rahmenwechsler. Das eine ist „wie komme ich mit dieser Höhe noch zum Platz", das andere ist „warum fliege ich diese Linie überhaupt". Beides ist Denken. Es ist nur nicht dasselbe Denken, und es braucht nicht dieselben Voraussetzungen.

Meine Jahre waren voll vom ersten Typ. die Ideen kamen noch, wurden aber in “für später” abgelegt. Das Zweite kam erst, als der Druck weg war.

Was sich tatsächlich geändert hat
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Und jetzt der Teil, der mir wichtiger ist als die Biografie, weil er der einzige ist, der für andere brauchbar ist.

Was jetzt Artikel produziert, ist kein Geistesblitz. Es ist ein Raster.

Ich habe in der Zwischenzeit ein paar Punkte sauber hinschreiben können — kein Weltentwurf, ein paar Bausteine und ein paar Regeln, wie sie zusammenhängen. Zweck. Funktion. Lösung. Merkmal. Kontext. Was verfeinert was, was realisiert was, was misst was, was gilt wofür. Dazu die Frage, was am jeweiligen Baustein noch lebendig ist und was eingefroren.

Der Effekt war nicht, dass ich klüger wurde. Der Effekt war, dass Abweichungen sichtbar werden. Wenn man ein Raster hat, sieht man an fremden Konzepten, Ausschreibungen, Tool-Ankündigungen und Prozessbeschreibungen nicht mehr „gefällt mir / gefällt mir nicht", sondern: hier fehlt der Adressat, hier misst niemand die Funktion, hier steht eine Lösung ohne die Funktion, die sie realisieren soll, hier ist der Kontext nicht deklariert, in dem der Wert überhaupt gilt.

Ein Detektor produziert Treffer. Das ist kein Genie, das ist Instrumentierung. Und Instrumentierung ist übertragbar — Genie nicht. Deshalb kommen die Artikel im Rudel: nicht weil mir viel eingefallen ist, sondern weil ich anfange, an vielen Stellen dasselbe zu sehen, und es jetzt in einer Form aufschreiben kann, die man nachrechnen darf.

Nebenbei: Im Segelflug heißt die Sache, die einen wieder hochbringt, „Schlauch". Man findet sie nicht, indem man sie sich wünscht, sondern indem man liest, wo Struktur sie erzeugt — Hangkante, Sonnenseite, Wolkenbasis. Dass ich mein Modell des erlaubten Raums ausgerechnet Schlauchmodell nenne, ist Zufall. Dass beides dieselbe Logik hat, ist keiner.

Wo ich falsch liegen kann
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Drei Stellen, an denen mir jemand die These umwerfen darf, und ich hätte gern, dass es jemand versucht:

  1. Survivorship. Ich kann nicht zeigen, dass die verlorenen Jahre notwendig waren. Vielleicht waren sie nur verloren, und der Durchbruch kam trotzdem und nicht deswegen. Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass Scheitern schult. Meistens verschleißt es einfach.
  2. Der Detektor könnte ein Verstärker sein. Ein Raster, das überall Abweichungen findet, ist wertlos — dann sieht es Muster, statt sie zu prüfen. Prüfkriterium: Es muss Fälle geben, bei denen ich hinschaue und sagen muss: hier ist alles sauber, kein Artikel. Wenn ich diese Fälle nie produziere, ist das Raster kaputt und gehört weg.
  3. Übertragbarkeit. Wenn das hier Methode ist und nicht Autobiografie, muss es bei anderen funktionieren, ohne dass ich daneben stehe. Wenn Leute es anwenden und nichts finden, was sie vorher nicht schon wussten, hat es keinen Wert. Dann war es meine persönliche Krücke, mehr nicht.

Punkt 3 ist der eigentliche Test, und der läuft gerade. Die Artikel, die hier in den nächsten Wochen erscheinen, sind nicht die Behauptung, dass es funktioniert. Sie sind das Material, an dem man es widerlegen kann.

Wer sich also wundert: nicht wundern. Ich habe den Kopf durchgeschüttelt und neu einsortiert. Es kommt nicht mehr rein als vorher. Es fällt nur endlich sortiert wieder raus.

Image by Thomas Buchenberger from Pixabay