Beim Konsumklima Summit des NIM in Berlin waren sich ein Podiumsgast und ifo-Präsident Clemens Fuest einig: Das aktuelle Wachstum wird zum Strohfeuer, wenn die Bundesregierung die Bedingungen für private Investitionen nicht spürbar verbessert. Ohne Wachstum lassen sich Rente, Pflege, Infrastruktur und Sicherheit nicht dauerhaft bezahlen.
Diese Erkenntnis hat soviel Wert wie, es ist Herbst. Jeder weiß es.
Der Satz ist nicht neu. Sogar die Bundesregierung schreibt ihn selbst. Wenn alle dasselbe wissen und trotzdem nichts Messbares passiert, fehlt nicht die Erkenntnis. Dann fehlt die Steuerung. Die Frage ist also nicht mehr „Was ist das Problem?". Die Frage ist: Was ist die Lösung?
Alle sagen dasselbe#
| Wann | Wer | Aussage |
|---|---|---|
| 2025 | Clemens Fuest, ifo | Schuldenpakete ohne Reformen ergeben nur ein konjunkturelles Strohfeuer. Seine Frist: „Bis zum nächsten Sommer müssen die zentralen Reformen stehen." |
| 28.01.2026 | Bundesregierung, Jahreswirtschaftsbericht | „Ohne konsequente Reformen der Standortbedingungen bleibt es ein Strohfeuer." |
| Okt. 2025 | Handwerk | Das Wachstum beruht auf schuldenfinanzierter Staatsnachfrage; ohne Strukturreformen droht nach dem Impuls wieder Stagnation. |
| Sept. 2026 | Ministerin Reiche, laut Rheinischer Post | Deutschland brauche „dringend mehr private Investitionen". |
| Sept. 2026 | DIHK | Unternehmen halten sich mit Investitionen weiter zurück. |
| 08.10.2026 | Herbstprojektion der Bundesregierung | Wachstum getragen von Export und Staatsausgaben; private Investitionen nötig; Reformen müssten in den nächsten Monaten umgesetzt werden. |
| 14.10.2026 | NIM-Podium | Ohne bessere Bedingungen für private Investitionen wird es ein Strohfeuer. |
Fuests Frist „nächster Sommer" ist verstrichen. Die Warnung der Regierung steht seit neun Monaten in ihren eigenen Unterlagen. Die Diagnose ist unstrittig. Aber nichts passiert!
Was die Zahlen zeigen#
Das folgende ist gemessen oder offiziell projiziert, nicht geschätzt.
| Größe | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Wachstum 2026 / 2027 / 2028 | +1,3 % / +1,1 % / +0,6 % | Herbstprojektion 08.10.2026 |
| Privater Konsum 2026 | +0,3 % | Herbstprojektion |
| Öffentlicher Konsum 2026 | +2,6 % | Herbstprojektion |
| Erwerbstätige 2026 | −0,5 % | Herbstprojektion |
| Ausrüstungsinvestitionen 2. Quartal 2026 | −1,4 % zum Vorquartal | Destatis |
| Ausrüstungsinvestitionen des Staates 2025 | +47,7 % (inkl. Rüstungsgüter) | Destatis |
| Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen 4. Quartal 2025 | −5,2 % | KfW Research |
| Investitionsmittel des Bundes 2026 | 118,2 Mrd. Euro | BMWE |
| Anteil privater Unternehmen an allen Anlageinvestitionen | 87 % | ZDF, 2025 |
Die wichtigste Zeile ist die dritte Zahl in der ersten Zeile. Die Regierung rechnet selbst damit, dass das Wachstum 2028 auf 0,6 % fällt. Das Strohfeuer ist in der eigenen Projektion bereits eingeplant.
Die Prüfung: fünf Pflichten#
Ich prüfe Systeme mit meinem Lebensfähigkeitsmodell. Es hat fünf Pflichten. Ein System ist nur so (über)lebensfähig wie seine schwächste Pflicht. Ein Durchschnitt zählt nicht. Geprüft wird im Folgenden das System „Wachstum durch private Investitionen", so wie die Bundesregierung es steuert.
Pflicht 1: Zweck. Wofür? Für wen?#
Korrekt ist der Zweck: Rente, Pflege, Infrastruktur und Sicherheit dauerhaft bezahlen. Wachstum ist das Mittel. Private Investition ist der Hebel.
Es fehlt der Adressat des Hebels. Investieren tut nicht „die Wirtschaft". Investieren tut ein Unternehmer. Er entscheidet zwischen hier, anderswo und gar nicht. Bei ihm muss gemessen werden, ob eine Maßnahme wirkt.
Befund: teilweise erfüllt.
Pflicht 2: Idealzustand. Mit Zahl und Datum?#
„Tragfähiger Aufschwung". „Sich selbst tragendes Wachstum". „Nachhaltiger Wachstumskurs". Das sind Adjektive ohne Zahl. (Alternativ Dampfgeplaudere)
Es gibt Zahlen: 1,3 %, 1,1 %, 0,6 %. Aber das sind Prognosen. Eine Prognose sagt, was man erwartet. Ein Ziel sagt, wofür man geradesteht. In den Unterlagen, die ich geprüft habe, finde ich keinen Zielwert für private Investitionen mit Datum.
Die einzige Zahl mit Zielcharakter kam vom Kanzler. Im Juli 2025 wünschte er sich, dass jeder Euro des Staates fünf Euro private Investitionen auslöst, „besser eins zu zehn". Einen Termin dafür und eine Messung dazu habe ich nicht gefunden.
Befund: nicht erfüllt.
Pflicht 3: Messung. Wird das Lebenswichtige gemessen?#
Gemessen wird das Wachstum. Das ist eine Flussgröße. Sie steigt 2026 vor allem durch Export und durch Staatsausgaben auf Kredit. Wachstum kann also steigen, während der private Kapitalstock schrumpft. Die Kennzahl zeigt Erfolg, während die Grundlage schwindet. (Das ist eine Fehlkonstruktion.)
Zweitens: In „Ausrüstungsinvestitionen" stecken auch Rüstungskäufe des Staates. Sie stiegen 2025 um fast die Hälfte. Die Zeile „Investitionen steigen" sagt deshalb wenig darüber, ob Unternehmen Maschinen kaufen.
Drittens wird beim Anbieter gemessen: bereitgestellte Milliarden, ein Investitionsgipfel, Zusagen von Unternehmen. Schon bei der Initiative „Made for Germany" war unklar, welcher Teil der Zusagen wirklich zusätzlich ist. Gemessen werden müsste beim Adressaten: Investieren Unternehmen hier mehr als ohne die Maßnahme?
Die Daten dafür gibt es. KfW Research weist die Investitionen der Unternehmen getrennt aus. Aber diese sind nicht die Steuergröße.
Befund: teilweise erfüllt.
Pflicht 4: Schwachpunkt. Wo reißt die Kette?#
1,3 % ist ein Durchschnitt. Darunter liegt: Export und Staatskonsum wachsen. Privater Konsum stagniert. Ausrüstungsinvestitionen fallen. Beschäftigung sinkt.
Das schwächste Glied sind private Investitionen. Sie sind zugleich der größte Block: 87 % aller Anlageinvestitionen kommen von Unternehmen.
Der Post sagt: „Das ist eine Frage von Prioritäten." Das stimmt. Aber Prioritäten setzen heißt eine Rangliste bilden, sortiert nach dem Abstand zum Ziel. Ohne Ziel (Pflicht 2) gibt es keinen Abstand. Ohne Abstand gibt es keine Rangliste. Dann entscheidet die Lautstärke. (Aufmerksamkeitsökonomie)
Befund: nicht erfüllt, als Folge von Pflicht 2.
Pflicht 5: Beweglichkeit. Reicht die Reaktionszeit?#
Hier gibt es eine einfache Prüfregel: Ist die Reaktionszeit länger als die Reichweite, ist das System nicht lebensfähig. Egal, wie viele Einzelwerte grün sind.
Reaktionszeit: Die Warnung steht spätestens seit 28.01.2026 in den Unterlagen der Regierung. Am 08.10.2026 heißt es immer noch, die Reformen „müssten in den nächsten Monaten umgesetzt werden". Das sind über acht Monate. Die Uhr läuft.
Reichweite: Nach der eigenen Projektion trägt der staatliche Impuls bis 2027. Dazu läuft die degressive Abschreibung aus dem Investitionssofortprogramm am 31.12.2027 aus. Investitionen brauchen Vorlauf: planen, bestellen, liefern.
Eine Vermutung, nicht belegt: KfW Research hält es für möglich, dass sich der Investitions-Booster Investitionen zeitlich verschoben hat. Wenn ein Teil der Investitionen 2026 und 2027 nur vorgezogen ist, fällt er 2028 doppelt weg.
Ob die Reaktionszeit die Reichweite schon überschritten hat, weiß niemand. Denn die Reaktionszeit wird nicht gemessen. Genau das ist der Befund.
Befund: nicht gemessen.
Ergebnis#
| Pflicht | Befund |
|---|---|
| 1 Zweck | teilweise erfüllt: Zweck benannt, Adressat des Hebels fehlt |
| 2 Idealzustand | nicht erfüllt: Prognosen statt Ziel |
| 3 Messung | teilweise erfüllt: Fluss und Anbieter statt Bestand und Adressat |
| 4 Schwachpunkt | nicht erfüllt: ohne Ziel keine Rangliste |
| 5 Beweglichkeit | nicht gemessen: Reaktionszeit unbekannt, Reichweite rechenbar |
Lebensfähig ist eine solche Steuerung nicht. Die schwächste Pflicht entscheidet.
Wo IMHO die Wurzel liegt#
Eine Ursache ist für mich dann die Wurzel, wenn zwei Dinge zusammenkommen.
- An dieser Stelle ist eine Pflicht nachweislich verletzt.
- Es gibt jemanden mit Stellautorität, der irgendetwas ändern kann.
Beides trifft auf Pflicht 2 zu. Die Regierung steuert mit Prognosen statt mit einem Ziel. Daraus folgen Pflicht 4 (keine Rangliste) und Pflicht 5 (keine gemessene Reaktionszeit). Und das Kabinett kann es ändern. Es beschließt jedes Jahr im Januar den Jahreswirtschaftsbericht.
Wichtig ist die Grenze dieser Aussage. Sie erklärt, warum alle es wissen und nichts Messbares passiert. Sie erklärt nicht, warum Unternehmen nicht investieren. Das kann man von außen nicht sicher feststellen. Wer dafür eine fertige Maßnahme verkauft, rät. Deshalb hat die Lösung zwei Teile.
Die Lösung, Teil 1: Ziel statt Prognose#
Ursache: Die Wachstumspolitik wird über Prognosen gesteuert, nicht über ein Ziel beim Adressaten. Deshalb lässt sich nicht priorisieren, und keine Maßnahme lässt sich abbrechen.
Maßnahme: Das Kabinett beschließt mit dem Jahreswirtschaftsbericht im Januar 2027 einen Zielwert für die preisbereinigten Investitionen der Unternehmen, ohne Staat und ohne Rüstung, mit Datum. Jede Maßnahme für Wachstum bekommt vorher vier Angaben: erwarteter Beitrag, Messgröße, Prüftermin, Abbruchkriterium.
Das Symptom, das verschwinden muss: die Dauerdiagnose ohne Folge. „Strohfeuer" als Warnung seit 2025, Reformen „in den nächsten Monaten".
Messung:
- Anteil der Wachstumsmaßnahmen mit veröffentlichtem Abbruchkriterium. Ich habe keine gefunden. Ziel: alle.
- Reaktionszeit: Tage zwischen einem schwachen Quartalswert und der Kabinettsentscheidung „fortsetzen, ändern oder abbrechen".
- Investitionen der Unternehmen je Quartal, gegen die Basis 2. Quartal 2026 (Destatis, KfW Research).
Frist: Die Struktur steht mit dem Jahreswirtschaftsbericht Ende Januar 2027. Die erste Wirkungsprüfung erfolgt mit den Zahlen zum 2. Quartal 2027.
Wann ich falsch liege: Fallen bis Ende 2027 die Entscheidungen weiter ohne Bezug auf den Zielwert, obwohl er beschlossen ist, dann war fehlende Zielsteuerung nicht die Wurzel. Dann liegt sie in der Entscheidungsmechanik der Koalition. Das wäre eine eigene Prüfung.
Die Lösung, Teil 2: Erst prüfen, dann handeln#
Warum Unternehmen nicht investieren, weiß nur der Insider in jeder Firma. Deshalb kein Maßnahmenkatalog, sondern ein Prüfvorschlag.
Belegte Abweichung: Die Ausrüstungsinvestitionen fielen im 2. Quartal 2026 um 1,4 %. Das geschah trotz degressiver Abschreibung seit Juli 2025 und trotz Rekord bei den Staatsinvestitionen.
Mögliche Ursachen, geschätzt, nicht festgestellt:
- U1: Standortkosten (Energie, Steuern, Abgaben)
- U2: Planungsunsicherheit (Regeln ändern sich, Geopolitik)
- U3: Dauer von Genehmigungen und Verfahren
- U4: keine Nachfrage nach zusätzlicher Kapazität
- U5: Zeitverschiebung durch den Booster (vorgezogen, verschoben, mitgenommen)
Prüfschritt: Nicht die Stimmung abfragen, sondern das Projekt. Für jedes zurückgehaltene oder verlagerte Investitionsprojekt fünf Fragen:
- Was ist das Projekt?
- Wo läuft es stattdessen?
- Worauf wartet es?
- Was müsste sich ändern, damit es hier startet?
- Welcher Grund wiegt am schwersten?
Je Projekt genau ein (1) Hauptgrund. Ausgewertet wird getrennt nach Branche und Größe, nie als Durchschnitt.
Trennschärfe: welcher Befund spricht für welche Ursache:
| Befund am Projekt | spricht für | spricht gegen |
|---|---|---|
| Projekt läuft im Ausland, Nachfrage unverändert | U1 Standortkosten | U4 |
| Projekt nur verschoben, nicht verlagert | U2 Unsicherheit oder U3 Verfahren | U1 |
| Projekt wartet auf einen Bescheid | U3 Verfahren | U2 |
| Kapazität reicht für die erwartete Nachfrage | U4 Nachfrage | U1, U2, U3 |
| Zeitpunkt hängt am Abschreibungsfenster | U5 Zeitverschiebung | zusätzliche Investition |
Adressat mit Zugang zu den Daten: das Bundeswirtschaftsministerium. Es kann z.B.: KfW Research oder das ifo Institut beauftragen. Beide Insitute befragen Unternehmen bereits regelmäßig zu Investitionen. Nötig ist eine Zusatzfrage, kein neues Gutachten.
Und wichtig: jeder Unternehmer, für sein eigenes Projekt. Kein allgemeines BlaBla
Frist: Ergebnis vor dem Jahreswirtschaftsbericht Ende Januar 2027, damit Teil 1 einen Zielwert mit Begründung bekommt.
Abbruchkriterium: Liegt in einer Branche keine Ursache deutlich vorn, ist die Frage zu grob gestellt. Dann wird feiner geschnitten, nicht gemittelt. Dominiert U5, bringt eine Verlängerung des Boosters nichts Zusätzliches.
Maßnahmen gegen die Ursache gehören erst hinter das Ergebnis. Vorher wären sie geraten.
Was es kostet, nichts zu tun#
Der Preis steht in der Projektion der Bundesregierung: 0,6 % Wachstum im Jahr 2028. Die degressive Abschreibung endet am 31.12.2027. Die Kredite aus dem Sondervermögen bleiben, der Impuls ist dann weg. Und nach der Logik des Posts selbst: Ohne Wachstum lassen sich Rente und Pflege nicht stabilisieren.
Für die Regierung kommt etwas hinzu. Fällt das Wachstum 2028 tatsächlich ab, hat sie ihre eigene Warnung vom Januar 2026 schriftlich vorliegen. „Das wusste niemand" ist dann keine verfügbare Antwort. (Obwohl immer wieder gerne genommen)
Was Sie als Unternehmer morgen tun können#
Sie sind mein Adressat, um den es geht. Sie haben die Daten, die in Berlin fehlen.
Haben Sie ein Projekt zurückgehalten? Beantworten Sie die fünf Fragen aus Teil 2 für Ihr eigenes Projekt. Schreiben Sie den einen Hauptgrund auf. Schicken Sie ihn an Ihre IHK, Ihren Verband oder Ihre Abgeordnete. Ein Projekt mit Grund wiegt mehr als jede Stimmungsumfrage.
Quellen#
Die Interessen der Quellen gehören zur Einordnung. Regierungsquellen haben ein Interesse an einer Erfolgsgeschichte. Verbände haben ein Interesse an Entlastung ihrer Mitglieder. Statistikämter und Forschungsinstitute haben das geringste Eigeninteresse an der Aussage.
- Bundesregierung: Herbstprojektion 2026 (Regierung)
- Retail-News: Eckwerte der Herbstprojektion 2026 (Fachmedium, gibt Regierungszahlen wieder)
- BMWE: Jahreswirtschaftsbericht 2026 (Regierung)
- Destatis: Staatliche Bruttoinvestitionen 2025 (Statistikamt)
- Produktion.de: BIP im 2. Quartal 2026 (Fachmedium, gibt Destatis wieder)
- KfW Research: Investitionsmonitor Frühjahr 2026 und Herbst 2026 (staatliche Förderbank)
- Schwäbische Zeitung: Interview mit Clemens Fuest (Medium; ifo als Forschungsinstitut)
- ZDF heute: Investitionsgipfel 2025, Kanzlerzitat und Anteil privater Investitionen (öffentlich-rechtliches Medium)
- Private Banking Magazin: Berenberg zu „Made for Germany" (Bankvolkswirt)
- Leinetal24: Reiche zur Herbstprognose der Institute (Medium, zitiert Rheinische Post)
- Handwerksblatt: Handwerk zur Herbstprojektion (Verbandsmedium)
- IHK München: Steuerliches Investitionssofortprogramm (Kammer)
- NIM: Konsumklima Summit 2026 (Veranstalter)
