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Klima ist wie das Auto, in das niemand einsteigen würde

·8 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Stellen Sie sich vor, Sie sollen Auto fahren.

  1. Sie dürfen die Bremse nicht benutzen — Sie können nur das Gaspedal etwas mehr odee etwas weniger durchgetreten lassen.
  2. Loslassen des Pedals hält den Wagen bei der erreichten Geschwindigkeit.
  3. Rückwärts geht gar nicht.
  4. Der Tacho zeigt den Wert von vor fünfzehn Jahren.
  5. Wenn Sie nach rechts lenken, zieht der Wagen erst nach links, bevor er nach rechts geht.

Genau dieses Auto fahren wir seit Jahren.
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Das ist keine Metapher, die ich mir zurechtgelegt habe. Es sind Eigenschaften, die das Klimasystem tatsächlich hat — und die erklären, warum in dieser Sache so viel schiefgeht, das mit Absichten und Interessen nichts zu tun hat.


Zur Konvention dieser Reihe: Jede Aussage bekommt eine Herkunftsangabe. [gemessen] heißt: direkt mit Geräten gemessen. [abgeleitet] heißt: aus Messungen ausgerechnet. [modelliert] heißt: Ergebnis einer Rechnung, nicht beobachtet. [strittig] heißt: die Fachleute sind uneins.


Erstens: die Badewanne
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Der Hahn läuft. Das Wasser steigt.

Sie drehen den Hahn zur Hälfte zu. Was passiert? Das Wasser steigt langsamer. Es steigt aber weiter.

Der Wasserstand sinkt erst, wenn Sie den Hahn ganz zudrehen und den Stöpsel ziehen.

Genau so verhält sich das CO₂. Die Temperatur hängt nicht daran, wie viel wir pro Jahr ausstoßen, sondern daran, wie viel wir insgesamt ausgestoßen haben. Die Fachleute rechnen mit etwa 0,45 Grad je 1.000 Milliarden Tonnen CO₂, mit einer Spanne von 0,27 bis 0,63. [modelliert]

Deshalb geht die übliche Debatte an der Sache vorbei. „Wir senken die Emissionen um 55 Prozent" heißt: Wir drehen den Hahn etwas zu. Das Wasser steigt weiter, nur langsamer.

Das ist keine Kritik am Ziel. Es ist eine Feststellung darüber, was das Ziel bewirkt.

(Fachleute nennen so etwas eine Strecke mit Integralverhalten. Das Wort muss man nicht kennen. Die Badewanne reicht.)

Zweitens: der Tacho zeigt die Vergangenheit - der Vergleich
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Beispiel: Sie wollen wissen, ob Ihre Werbekampagne wirkt.

Der Umsatz schwankt von Monat zu Monat um 20% durch die Faktoren Saison, Wetter, Zufall. Der Effekt der Kampagne liegt bei 2% im Jahr.

Wie lange müssen Sie messen, bis Sie den Effekt vom Rauschen unterscheiden können?

Beim Klima ist es genau dieses Verhältnis. Der Temperaturtrend liegt bei etwa 0,02 Grad pro Jahr. [abgeleitet] Die natürlichen Schwankungen — El Niño, Meeresströmungen — bewegen sich um ±0,2 Grad. [gemessen]

Das Rauschen ist zehnmal größer als das Signal. Um eine Änderung des Trends abzusichern, braucht man zehn bis zwanzig Jahre Messung.

Auf gut Deutsch: Jede Regierung, die eine Maßnahme beschließt, ist aus dem Amt, bevor man messen kann, ob sie gewirkt hat.

Wer daraus schließt, es sei ohnehin egal, hat den Punkt verstanden. Die richtige steht weiter unten.

Drittens: der Sonnenschirm, den wir wegnehmen müssen
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Das ist der Punkt, an dem die Debatte regelmäßig entgleist.

Über Jahrzehnte haben ungefilterte Kraftwerke, Schiffe und Fabriken Schwefel in die Luft geblasen.

In stark verschmutzten Industriestädten wie Pittsburgh führte extremer Smog und saurer Regen dazu, dass sich die Nylonstrümpfe von Frauen mitten auf der Straße buchstäblich auflösten. (Pittsburgh)

Der Schwefel bildet feine Tröpfchen, die Sonnenlicht zurückwerfen. Wir haben also ganz nebenbei einen Sonnenschirm über die Erde gespannt.

Dieser Schirm kühlt heute schätzungsweise! um 0,5 bis 1,1 Watt pro Quadratmeter — gegen rund 2,7 Watt Aufschlag durch Treibhausgase. [modelliert, mit großer Unsicherheit] Ein erhebliches Stück der Erwärmung ist also verdeckt.

Nun ist derselbe Schwefel für Millionen vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Also nimmt man ihn heraus. China ab etwa 2006 mit der Rauchgasentschwefelung, die Schifffahrt 2020 mit der Schwefelgrenze für Treibstoff.

Und dann passiert das, was passieren muss: Die Luft wird sauber, und es wird wärmer. Messbar, sichtbar über den Schifffahrtsrouten. [gemessen]

Weil die Tröpfchen nur Tage in der Luft bleiben, verschwindet der Schirm fast sofort. Die Gesundheitsvorteile bleiben. Die Erwärmung kommt obendrauf.

Sie lenken nach rechts, und der Wagen zieht erst nach links.

Beide Lager hatten dafür kein Vokabular. Die einen lasen den Anstieg als Beweis, dass Klimaschutz nichts bringt. Die anderen mussten erklären, wieso saubere Luft die Erde wärmer macht. Dabei ist es schlicht der erwartete Verlauf.

Viertens: manches lässt sich nicht zurücknehmen
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Es gibt Gase, die praktisch ewig bleiben. Schwefelhexafluorid, ein Isoliergas aus der Elektrotechnik, hat eine Lebensdauer von rund 3.200 Jahren. [gemessen] Nach hundert Jahren sind noch 97 Prozent davon da.

Das ist der Unterschied zwischen Bleistift und Permanentmarker. Bei manchen Eingaben rechnet man vorher, weil hinterher nichts mehr zu korrigieren ist.


Wie schnell wirkt was? Die Tabelle, die viel erklärt
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Fast jeder Streit über dieses Thema ist bei genauem Hinsehen eine Verwechslung zweier Zeilen:

StoffWie lange bleibt er in der Luft?
KondensstreifenStunden bis ein Tag
RußTage bis zwei Wochen
SchwefeltröpfchenTage bis zwei Wochen
Vulkanasche in großer Höhe1–3 Jahre
Methan~12 Jahre
Lachgas~110 Jahre
Schwefelhexafluorid~3.200 Jahre
CO₂keine einheitliche Zahl

[gemessen / abgeleitet]

CO₂ ist der Sonderfall: Etwa die Hälfte verschwindet in Jahrzehnten, zwanzig bis dreißig Prozent bleiben über tausend Jahre, ein Rest über zehntausend.

Zwischen Schwefeltröpfchen und CO₂ liegt ein Faktor von rund hunderttausend. Wer beides direkt vergleicht, redet über zwei völlig verschiedene Dinge.

Die 40-Jahre-Legende
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Weit verbreitet ist die Zahl, eine Emission wirke erst nach vierzig Jahren. Beide Seiten benutzen sie — die einen als

  • „wir haben schon vierzig Jahre Erwärmung im System", die anderen als
  • „die heutige Wärme stammt aus den Achtzigern, das aktuelle CO₂ kann es also nicht sein".

Für diese Zahl gibt es keine Originalquelle. Sie ist aus einer Arbeit über das Verhalten bei dauerhaft erhöhtem Antrieb entstanden und auf eine einzelne Emission übertragen worden, wo sie nichts zu suchen hat.

Die tatsächlich untersuchte Zahl: Von einer Emission bis zu ihrer stärksten Erwärmungswirkung vergehen im Mittel rund zehn Jahre. [modelliert] Die Autoren dieser Arbeit sagen ausdrücklich, dass sie damit einen verbreiteten Irrtum korrigieren.

Zwei verschiedene Fragen: Wie lange bleibt die Wirkung? Und wann tritt sie ein? Aus der Vermengung beider entsteht die Legende.


Was man stattdessen tun müsste
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Jetzt der konstruktive Teil — und der Vergleich, der für jeden Geschäftsführer sofort sitzt.

Kein Unternehmen wird über den Jahresabschluss gesteuert. Der kommt zu spät und ist zu grob. Gesteuert wird über Auftragseingang, Angebotsquote, Lagerbestand — Dinge, die man wöchentlich sieht und die auf den Jahresabschluss durchschlagen.

Beim Klima wird auf die Temperatur gesteuert. Also auf den Jahresabschluss. Auf eine Größe mit fünfzehn Jahren Verzögerung.

Es geht auch anders:

Was man misstWann man etwas siehtWie verlässlich
Emissionen (Satellit, Bilanzen)Monategut
Konzentration in der Luft1–3 Jahresehr gut
Energiebilanz der Erde5–10 Jahremittel
Temperatur15–20 Jahreverrauscht

Die Temperatur bleibt das Ziel. Gesteuert wird über die oberen Zeilen, weil nur diese innerhalb eines Entscheidungszeitraums eine brauchbare Antwort geben.

Das ist kein Trick und keine Vereinfachung. Jede Heizung, jeder große Ofen, jedes träge System der Welt wird so geregelt.

Und die Sache mit dem Sonnenschirm gehört in die Planung und die vorer festzulegenden Effekte!
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Aus dem dritten Punkt folgt etwas sehr Praktisches.

Der Wegfall der Schwefelkühlung ist keine Maßnahme, über die man entscheidet. Er ist eine bekannte, berechenbare Nebenwirkung mit bekanntem Vorzeichen. Er wird eintreten, weil man Menschen nicht weiter vergiften kann, um die Erde zu kühlen.

Also gehört er in die Planung, nicht in die Reaktion. Wer darauf erst reagiert, wenn die Kurve nach oben zeigt, reagiert auf die falsche Flanke und regelt zwangsläufig falsch.

Die gesamte verworrene Debatte um die Schiffstreibstoff-Regelung lässt sich auf diesen einen Satz zurückführen: Alle haben eine vorhersehbare Nebenwirkung für ein Versagen der Maßnahme gehalten.


Was ein Mensch in seinem Leben noch sehen kann
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Ehrlich gerechnet, über 25 bis 30 Jahre, unter der Annahme, dass entschlossen gehandelt wird:

GrößeSichtbar nach
Kondensstreifen-Effekt, regional1–2 Jahre
Methan in der Luft knickt ab10–15 Jahre
CO₂-Anstieg wird flacher10–15 Jahre
Energiebilanz der Erde sinkt15–20 Jahre
Temperaturkurve wird flacher20–25 Jahre, knapp
Temperatur sinktnicht in unserem Leben

[abgeleitet und modelliert] — das ist eine Abschätzung aus den Zeitkonstanten oben, keine Messung.

Die letzte Zeile ist der Preis der Badewanne. Was erreichbar ist, ist der Stillstand des Anstiegs.

Und das ist die gute Nachricht
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Sie wird fast nie erzählt, weil sie sich dramatisch schlecht verkauft.

Wenn die Emissionen aufhören, steigt die Temperatur nicht weiter. Sie bleibt näherungsweise stehen. Der Ozean nimmt weiter CO₂ auf, und das gleicht die noch nachlaufende Erwärmung ungefähr aus. [modelliert]

Die alte Erzählung vom „schon eingebauten weiteren Grad" ist nach heutigem Stand falsch. Es ist kein Fass ohne Boden. Es ist eine Rechnung, die man begleichen kann.

Ein Einwand gegen meine Ausführung, und er ist ernst gemeint: Dieses Ergebnis ist eine Modellrechnung, keine Messung. Man kann es nicht beobachten, weil noch niemand die Emissionen gestoppt hat. Es trägt die Marke [modelliert] — also die schwächste Stufe dieser Reihe.

Ich halte es trotzdem für belastbar, weil der Mechanismus verstanden ist und mehrere unabhängige Rechnungen in dieselbe Richtung zeigen. Aber wer die gute Nachricht mit derselben Sicherheit vorträgt wie die Herkunft des CO₂ aus Teil 1, macht genau den Fehler, den diese Reihe kritisiert.


Drei Sätze zum Mitnehmen
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Kurzlebige Stoffe bremsen den Anstieg. Kondensstreifen, Ruß, Methan. Sie kappen die Spitze und kaufen Zeit. Sie lösen nichts — aber sie sind die einzigen Stellen, an denen eine Entscheidung heute innerhalb eines Berufslebens eine messbare Antwort bringt.

CO₂ bestimmt, wo es endet. Über die Gesamtmenge. Keine schnelle Wirkung, nur die Frage, wo der Wasserstand stehenbleibt.

Der Sonnenschirm gehört in die Planung, nicht in die Reaktion.

Wer diese drei Zeilen vertauscht, produziert Aktionismus bei den langsamen Größen und Resignation bei den schnellen. Beides ist in den letzten dreißig Jahren reichlich vorgekommen.


Quellen
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  • Hansen et al. (1985), Science 229:857–859 — Ursprung der Vorstellung von der „Erwärmung in der Pipeline"
  • Ricke & Caldeira (2014), Environmental Research Letters 9:124002, doi:10.1088/1748-9326/9/12/124002 — Zeit bis zur stärksten Wirkung einer Emission
  • Zickfeld & Herrington (2015), ERL 10:031001 — Abhängigkeit von der Größe der Emission
  • MacDougall et al. (2020), Biogeosciences 17:2987–3016, doi:10.5194/bg-17-2987-2020 — was passiert, wenn die Emissionen aufhören
  • IPCC AR6 WG1, Kapitel 5, 6 und 7 — Kohlenstoffkreislauf, kurzlebige Stoffe, Strahlungsantrieb: https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/
  • Yuan et al. (2024), Communications Earth & Environment — Klimaeffekt der Schiffstreibstoff-Regelung
  • Loeb et al. (2021), Geophysical Research Letters 48, e2021GL093047 — Energiebilanz der Erde
  • WMO/UNEP, Scientific Assessment of Ozone Depletion — Lebensdauern der Industriegase

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