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Reality correction: Man fliegt dorthin, wo man hinschaut

·6 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Jeder Fahrlehrer für Motorräder sagt denselben Satz: Schau nicht auf das Hindernis. Schau dorthin, wo du hinwillst. Wer auf den Baum starrt, fährt in den Baum. Piloten lernen das Gleiche. Das Phänomen heißt Zielfixierung, und es funktioniert zuverlässig: Die Maschine folgt dem Blick.

Auf Social Media starren wir seit Jahren auf den Baum.

Ihr habt recht. Es hilft nur nichts.
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Damit kein Missverständnis entsteht: Ich bin mit der Regierungsarbeit in diesem Land maximal unzufrieden. Ich habe über den Bundeshaushalt geschrieben > 400 MRD € (Hauptsache Geld ausgeben?) und den Haushaltsausschuss gefragt, wer prüft, ob das Geld wirkt. Die Antwort: Zuständig sind die Ministerien selbst, nach § 7 der Bundeshaushaltsordnung. Eine flächendeckende Prüfung durch den Ausschuss gibt es nicht.

Wer sich aufregt, hat Gründe.
Aber: Der tägliche Empörungspost ändert nichts daran.
Er macht es schlimmer, weil er die Aufmerksamkeit von denen abzieht, die den Laden am Laufen halten.

Wer dabei aus dem Bild fällt
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Der eine arbeitet zehn Stunden und teilweise mehr am Tag und versucht, über die Runden zu kommen.
Von dem, was seine Arbeit den Betrieb kostet, gehen bei einem ledigen Durchschnittsverdiener 49,3 Prozent an Steuern und Sozialabgaben weg. Das ist der zweithöchste Wert unter den 38 Ländern der OECD. Der Durchschnitt liegt bei rund 35 Prozent. Der Genauigkeit halber: Das sind nicht 50 Prozent Steuern. Es sind Steuern plus Sozialbeiträge, der Anteil des Arbeitgebers eingerechnet. Vom Bruttolohn bleibt zu wenig.

Der zweite hat einen Betrieb aufgebaut und haftet dafür mit dem eigenen Haus. Ich meine ausdrücklich nicht jeden, der einen Chefsessel hat. Die Trennlinie ist nicht die Position, sondern die Verantwortung: Wer trägt die Folgen seiner Entscheidungen?
Wer mit fremdem Geld entscheidet und bei Misserfolg mit Abfindung geht, ist definitiv nicht gemeint. Gemeint ist, wer morgens nicht weiß, ob die Löhne am Monatsende gedeckt sind, und trotzdem ausbildet und einstellt. Dieser Mensch schafft die Arbeitsplätze von morgen.

Beide bekommen zu hören:
Du bist zu teuer, Du bist zu reich. Und mein Blutdruck geht durch die Decke.
Dazu kommen jedes Jahr neue Vorschriften. Wer sie erlässt, muss nicht böse sein. Meist ist jede einzelne Regel gut begründet. Nur für die Summe ist niemand zuständig. Iss halt so. kannste nicx machen, oder so.

Wann haben Sie zuletzt einem dieser beiden öffentlich gesagt:
Gute Arbeit. Danke, dass du das nach vorne bringst?

Ein Lehrbeispiel: 577 Milliarden
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Ich hatte es selbst so im Kopf: 550 Milliarden Coronahilfen der EU verschwunden, und kein Journalist geht hinterher. So lief es im Mai durch die Timelines. Dann habe ich nachgelesen.

Was der Europäische Rechnungshof am 6. Mai 2026 in seinem Sonderbericht 14/2026 tatsächlich festgestellt hat:

  • Bis Ende Januar 2026 hat die Kommission 577 Milliarden Euro aus dem Aufbaufonds für die 27 Mitgliedstaaten gebunden.
  • Das Geld ist nicht verschwunden. Die meisten Länder können die Zahlungen von der Quelle bis zur Verwendung nachverfolgen. Was fehlt, ist der Überblick.
  • Die Kommission erhebt nicht, was die einzelnen Maßnahmen tatsächlich gekostet haben. Was Sie gebracht haben meist auch nicht.
  • Jedes Land muss nur seine 100 größten Endempfänger veröffentlichen. Keines der zehn geprüften Länder, darunter Deutschland, hat mehr veröffentlicht. Mehr als die Hälfte dieser Empfänger sind Behörden. An wen die Behörden das Geld weitergereicht haben, steht nirgends.

Und die Presse? Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Der Standard und Berliner Zeitung haben berichtet. Das Europäische Parlament macht Druck auf die Kommission.

„Verschwunden" ist also falsch, und „keiner berichtet" ist es auch. Schlimmer ist etwas anderes: „Verschwunden" hat keinen Adressaten. Niemand muss darauf antworten. Die genaue Fassung hat einen. Deutschland veröffentlicht nur das Minimum. Das lässt sich einfordern, schriftlich und mit Frist.

Die Wurzel
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Empörung wird belohnt, Wirkung wird nicht gemessen.

Das Erste ist nachgewiesen. Eine Studie in Science Advances hat 2021 an Daten von Twitter gezeigt: Wer für einen Empörungspost Likes und Shares bekommt, postet danach mehr Empörung. Die Plattform erzieht uns dazu.

Das Zweite ist meine Einschätzung: Ein Empörungspost hat drei Dinge nicht.

  1. Eine Adressaten, der etwas ändern kann.
  2. Eine Forderung, die sich erfüllen lässt.
  3. Eine Frist. Er ist ein Alarm, den niemand quittieren muss. Wer regiert, hat längst gelernt, dass sich so etwas aussitzen lässt.

Was wirkt
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Der EmpörungspostDie MaßnahmeAn wen
„577 Milliarden verschwunden!"Antrag nach dem Informationsfreiheitsgesetz: Liste aller deutschen Endempfänger über die 100 hinaus, mit den Auftragnehmern der Behörden. Die Auskunft soll binnen eines Monats kommen.Das für den deutschen Aufbauplan zuständige Bundesministerium
„Die verbrennen unser Geld!"Einen einzelnen Haushaltstitel herausgreifen und fragen: Wo ist die Erfolgskontrolle nach § 7 BHO, und was kam heraus?Das Ministerium, dem der Titel gehört
„Die Hälfte vom Lohn ist weg!"Eine Frage mit vier Wochen Frist: Welche Abgabe wollen Sie senken, bis wann, und woraus wird das bezahlt? Die Antwort veröffentlichen, auch die ausbleibende.Der Abgeordnete des eigenen Wahlkreises
„Schon wieder eine neue Vorschrift!"Die eine Vorschrift benennen, den Aufwand im eigenen Betrieb in Stunden pro Monat dazuschreiben, Streichung oder Zusammenlegung fordern.Der eigene Verband und der Wahlkreisabgeordnete
„Kein Journalist berichtet!"Erst suchen. Dann die Redaktion anschreiben, mit der einen Frage, die noch offen ist.Die Redaktion, namentlich
„Unternehmer sind Abzocker!" oder „Keiner will mehr arbeiten!"Einen Betrieb oder einen Menschen aus der eigenen Stadt vorstellen: Name, was er geschafft hat, was es gebracht hat.Die eigene Reichweite
„KI kann alles!" oder „KI vernichtet alles!"Einen eigenen Anwendungsfall zeigen: Aufgabe, Ergebnis, gemessene Zeit, und was nicht funktioniert hat.Die eigene Reichweite

Die linke Spalte bringt Reichweite. Es passiert nichts. Die rechte Spalte nennt jemanden, der antworten kann und dessen Schweigen sich belegen lässt.

Die Regel
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Drei Dinge, ab morgen:

  1. Kein Post ohne vier Teile.
  • Befund mit Quelle.
  • Zuständige Stelle.
  • Konkrete Forderung.
  • Frist.
  1. Eins zu eins. Für jeden Post über einen Missstand einen über jemanden, der etwas schafft. Mit Namen.
  2. Auf die Füße treten heißt schreiben. An die zuständige Stelle, im Rahmen der Gesetze, mit Frist. Den Post gibt es danach: mit der Antwort oder mit dem belegten Schweigen.

Der Test
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Ich behaupte: Empörung bleibt folgenlos, weil ihr der Adressat fehlt. Wenn das stimmt, dann erzeugen adressierte Anfragen Antworten, und Empörungsposts erzeugen keine. Das lässt sich zählen.

Nehmt euch 90 Tage. Zählt, wie viele Anfragen ihr gestellt habt und wie viele Antworten mit einem benannten Zuständigen zurückkamen. Zählt daneben, wie viele zuständige Stellen auf eure Empörungsposts reagiert haben.

Kommt auf adressierte Anfragen nicht mehr zurück als auf Empörung, dann liege ich falsch. Schreibt es mir, ich veröffentliche das Ergebnis.

Mein eigener Zähler steht bei eins zu eins: ein Brief an den Haushaltsausschuss, eine Antwort. Sie hat mir nicht gefallen. Aber sie nennt den Zuständigen, und damit kann ich weiterarbeiten. Eine Antwort ist noch keine Änderung. Ohne benannten Zuständigen gibt es aber gar keine.

Was es kostet, so weiterzumachen
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Meine Einschätzung, kein Messwert: Bleibt es beim Empörungsposten, passieren drei Dinge.

  1. Die Missstände bleiben, weil niemand antworten muss.
  2. Die, welche die Last tragen, hören irgendwann auf oder gehen, weil sie nur als Zielscheibe vorkommen.
  3. Und wer jung ist, lernt aus den Timelines, dass Lautstärke reicht und Anstrengung sich nicht lohnt.

Blickrichtung
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Der Baum steht da, das bestreitet niemand. Aber ihr lenkt. Schaut dorthin, wo ihr hinwollt: auf die, die es tun, auf Lösungen, auf den einen Zuständigen.

Die Maschine folgt dem Blick.

Quellen
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Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay