Zum Hauptinhalt springen

Process Mining misst Ihre Buchhaltung. Ihre Prozesse hat es nie gesehen.

·5 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Stellen Sie sich vor, jemand will die Qualität Ihrer Ehe beurteilen. Er hat keine Zeit für Gespräche, keine Lust auf Beobachtung, und Zuhören ist ihm zu anstrengend. Also misst er den hormonellen Austausch. Oxytocin, Dopamin, ein bisschen Cortisol als Kontrollgröße. Wissenschaftlich, quantifizierbar, dashboardfähig.

Das Ergebnis wäre eindeutig: Nach spätestens zwei Jahren ist der Lack ab. Die Kurve fällt. Empfehlung des Beraters: Partner wechseln, die Werte des Ausgangszustands sind sonst nicht wiederherstellbar.

Jeder erkennt sofort, dass hier etwas Reales gemessen wird — und trotzdem das Falsche. Die Hormone sind ein Nebenprodukt der Beziehung, nicht die Beziehung. Wer das Nebenprodukt optimiert, zerstört die Sache selbst.

Genau dieses Geschäftsmodell heißt in der Unternehmenswelt Process Mining.

Das Versprechen
#

Das Versprechen klingt großartig, und ich verstehe jeden, der darauf anspringt: Endlich keine Workshops mehr, in denen Leute erzählen, wie der Prozess sein sollte. Endlich objektive Daten darüber, wie er wirklich läuft. Die digitalen Spuren lügen nicht. Wir schauen einfach in die Event-Logs, und die Wahrheit fällt heraus.

Das Problem beginnt mit einer Frage, die im Sales-Deck nie vorkommt: Wovon sind diese Spuren eigentlich Spuren?

Was ein Event-Log wirklich ist
#

Ein Event-Log-Eintrag ist der Zeitstempel eines Statuswechsels in einem System. Nicht mehr. Er entsteht in dem Moment, in dem jemand — nach getaner Arbeit — das System füttert.

Und jetzt die entscheidende Frage: Wofür wurde dieses System gebaut?

ERP-Systeme wurden nicht gebaut, um Arbeit abzubilden. Sie wurden gebaut, um Transaktionen buchungsfähig zu machen. Belegfluss, Vier-Augen-Prinzip, Bilanzierbarkeit, Revisionssicherheit. Das ist ihr Konstruktionszweck, und sie erfüllen ihn gut. Was im System passiert, ist die finanzielle Projektion der Arbeit — die Verwaltungsschicht, die übrig bleibt, wenn man von der Wertschöpfung alles abzieht, was ein Wirtschaftsprüfer nicht sehen muss.

Process Mining rekonstruiert also nicht Ihre Prozesse. Es rekonstruiert Ihre Buchhaltung — in hoher Auflösung, mit hübschen Sankey-Diagrammen, und mit dem impliziten Versprechen, das sei dasselbe.

Wo die Arbeit wirklich stattfindet
#

Schauen Sie in eine reale Firma. Nicht in die Demo-Umgebung des Anbieters — in eine echte.

Die Entscheidung fällt am Telefon. Die Abstimmung läuft auf dem Flur. Die eigentliche Kalkulation lebt in einer Excel-Datei, die “Kopie von Kopie von FINAL_v3” heißt. Der Konstrukteur klärt das kritische Detail per Teams-Chat mit dem Lieferanten. Der Vertriebler weiß aus zwölf Jahren Erfahrung, welchen Kunden man wie anfassen muss. Nichts davon erzeugt ein Event. Nichts davon hat eine System-Schnittstelle. Nichts davon existiert für das Mining.

Was existiert: Der Moment, in dem jemand — Stunden oder Tage später, gerne freitags gesammelt — den Vorgang ins System klopft, damit die Buchung stimmt.

Das Mining sieht diesen Nachklapp und nennt ihn “den Prozess”. Es ist, als würde man das Leben eines Menschen aus seinen Steuererklärungen rekonstruieren und sich wundern, warum darin so wenig Liebe vorkommt.

Die Varianten-Lüge
#

Der Lieblings-Moment jeder Process-Mining-Präsentation: “Wir haben in Ihrem Purchase-to-Pay-Prozess 4.000 Varianten entdeckt!” Betretenes Schweigen im Management. Der Prozess ist offensichtlich außer Kontrolle. Zum Glück verkauft der Anbieter auch die Lösung.

Nur: Was sind das für Varianten?

Zu einem erheblichen Teil sind es Varianten des Buchungsverhaltens, nicht des Arbeitsverhaltens. Nachträgliche Erfassung. Sammelbuchungen am Monatsende. Korrekturen, weil das System einen Pflichtfeld-Zwang hat, der zur Realität nicht passt. Workarounds, mit denen Menschen ein System füttern, das für ihren Fall nie gedacht war. Das Mining misst mit forensischer Präzision, wie kreativ Ihre Leute das ERP anlügen müssen, damit die Finanzsicht stimmt.

Und dann kommt der teuerste Teil: Die Firma “optimiert” diese Artefakte. Sie harmonisiert Buchungsvarianten, standardisiert Systempfade, baut Bots, die die Nachklapp-Erfassung beschleunigen — und glaubt, sie hätte Prozesse verbessert. Sie hat die Steuererklärung schöner gemacht. Das Leben ist unverändert.

Der Konstruktionsfehler
#

Der Fehler ist kein Implementierungsfehler. Er ist konstruktiv, und er lässt sich in einem Satz fassen:

Jede Beobachtung ist nur an einer deklarierten Schnittstelle möglich — und Process Mining beobachtet an einer Schnittstelle, die für einen völlig anderen Zweck deklariert wurde.

Die System-Schnittstellen, aus denen Event-Logs fallen, wurden für die Finanz- und Compliance-Sicht gezogen. An diesem Schnitt ist die Buchung beobachtbar — per Konstruktion. Die Arbeit ist an diesem Schnitt nicht beobachtbar — ebenfalls per Konstruktion. Kein Algorithmus, kein KI-Zusatzmodul und keine noch so große Log-Menge ändert daran etwas, denn das Problem liegt nicht in der Auswertung, sondern in der Lage des Schnitts.

Bottom-up aus fremdem Zweck rekonstruieren funktioniert nicht. Man muss den Schnitt für den Prozess selbst deklarieren — vorher. Dann ist definiert, was eine Beobachtung überhaupt bedeutet, und Messung wird per Konstruktion valide statt per Zufall. Das ist mehr Arbeit als ein Log-Import. Es ist auch der Unterschied zwischen Messen und Raten mit Nachkommastellen.

Der ehrliche Teil
#

Damit das nicht als Pauschalverriss endet, der es sich zu leicht macht: Es gibt Prozesse, deren Kern tatsächlich die Transaktion ist. Zahlungsverkehr. Claims-Bearbeitung. Hochstandardisiertes Order Management. Dort fallen Finanzsicht und Arbeitssicht weitgehend zusammen, dort deckt Mining reale Varianten auf und zerlegt regelmäßig — und verdient — die Fiktion des dokumentierten Soll-Prozesses. In diesem Korridor ist das Werkzeug gut.

Aber genau das ist der Punkt: Der Korridor ist schmal, und er wird schmaler, je wertvoller die Arbeit ist. Je wissensintensiver, je abstimmungslastiger, je weniger transaktional ein Prozess — Engineering, Entwicklung, Vertrieb, alles, was ein Unternehmen tatsächlich differenziert —, desto größer die Lücke zwischen dem, was das System sieht, und dem, was passiert. Verkauft wird das Werkzeug aber für die ganze Firma. Für die Prozesslandkarte. Für “Transparenz”.

Das ist der eigentliche Etikettenschwindel: nicht dass das Hormon-Messgerät nichts misst. Sondern dass man es als Eheberatung verkauft.

Fazit
#

Wenn Ihnen jemand ein Bild Ihrer Prozesse verkauft, fragen Sie ihn nicht nach dem Algorithmus. Fragen Sie ihn, an welcher Schnittstelle seine Daten entstehen und für welchen Zweck diese Schnittstelle gebaut wurde. Wenn die Antwort “ERP” lautet, wissen Sie, was Sie bekommen: eine sehr präzise Vermessung Ihrer Verwaltungsschicht.

Ihre Prozesse hat noch niemand angeschaut. Die warten immer noch darauf, dass jemand den Schnitt an der richtigen Stelle zieht.