Ein Vorstand entscheidet sich für ein Engineering-Tool — gegen die ausdrückliche, schriftlich begründete Empfehlung der eigenen Technik. Drei Jahre später: Reaktionszeiten bis zu 50% der Tahgesarbeitszeit. Das Tool ist immer noch im Einsatz. Eskalationen, Entwicklerteams…. Keine Änderung des Tools.
Für dieses Muster gibt es noch keinen etablierten Namen. Ich nenne es die Tool Fallacy — in Anlehnung an die Sunk Cost Fallacy, aber sie ist mehr als das.
Die These # Jede Tool-Entscheidung ohne explizite Funktionsdefinition und ohne Mess-Merkmale ist eine Wette.
Zertifiziert ist nicht verifiziert # Warum die halbe ISMS-Industrie Dokumente prüft und Sicherheit behauptet — und das GRC-Tool nur die schönere Falle ist.
Es gibt diesen Moment im Audit-Kickoff, in dem drei Dinge gleichzeitig passieren: Der Geschäftsführer merkt, dass er die Norm nie gelesen hat. Der Berater merkt, dass das ein gutes Jahr wird. Und das Kaninchen schaut die Schlange an.
Ich weiß, wie das klingt.
Ich bringe gerade selbst OTSM ins Release, und jetzt schreibe ich einen Artikel darüber, dass eure digitale Transformation ohne saubere Prozesse scheitert. Werbung in eigener Sache, könnte man sagen. Könnte man. Aber die Reihenfolge war umgekehrt: Ich habe nicht zuerst ein Tool gebaut und dann ein Problem dazu gesucht. Ich habe Audits gemacht, ich habe in Prozesse geschaut — und deshalb angefangen zu bauen. Das Problem war zuerst da. Es ist immer noch da. Es wird gerade flächendeckend ignoriert.
Eine 6er-Schraube in einem 4er-Loch # Stell dir zwei Bauteile vor. Beide sind perfekt. Die Schraube ist exakt gefertigt, gehärtet, dokumentiert. Das Loch ist exakt gebohrt, entgratet, vermessen. Jedes Teil für sich besteht jede Prüfung.
Sie passen trotzdem nicht zusammen. Die Schraube ist eine 6er, das Loch ein 4er. Zwei lebensfähige Teile — und ein totes System.
Der Fehler steckt nicht in einem der beiden Teile. Er steckt im Übergang. Und der Übergang ist die eine Stelle, die keinem der beiden Teile ganz gehört. Genau deshalb übersieht ihn jeder.
Sie reißen sich den A**** auf. Sie entscheiden nach bestem Wissen. Sie holen sich Rat, Sie führen die Methode ein, die alle empfehlen, Sie machen die Workshops, Sie füllen die Vorlagen aus.
Und hinten kommt trotzdem nicht das raus, was rauskommen sollte.
Das ist der Punkt, an dem die meisten sich fragen, ob sie sich noch mehr anstrengen müssen. Meine Erfahrung: Nein. Wenn Anstrengung das Problem wäre, hätten Sie es längst gelöst — Anstrengung ist das Einzige, woran es in solchen Firmen nie fehlt.
Stellen Sie einem beliebigen Entwicklungs-, Qualitäts- oder Projektteam eine einzige Frage:
Welcher Stand gilt?
Nicht als Vorwurf, sondern als Zeitmessung. Wie lange dauert es, bis jemand mit Sicherheit sagen kann, welcher der vorliegenden Stände der verbindliche ist? Sekunden? Oder eine Rückfrage, eine Mail, ein Termin? Haben die Kollegen ggf. unterschiedliche Versionen (fast immer)?
Wer diese Frage nicht in Sekunden beantworten kann, beantwortet sie in Besprechungen und Meetings. Das ist der eigentliche Preis, und er steht in keiner Kostenstelle.
Fragen Sie Ihren Buchhalter, welcher Stand gilt.
Er versteht die Frage nicht. Für ihn ist sie seit dem Handelsgesetzbuch beantwortet: Jeder Wert in der Bilanz führt zurück auf einen Beleg, und jeder Beleg führt vorwärts in die Bilanz. In beide Richtungen, jederzeit, ohne Rückfrage.
Stellen Sie dieselbe Frage in der Entwicklung. Sie bekommen einen Termin.
Der Fachbegriff ist derselbe # Die GoBD — die Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern in elektronischer Form — verlangen ausdrücklich progressive und retrograde Prüfbarkeit. Progressiv heißt: vom Beleg über die Buchung bis zur Bilanzposition. Retrograd heißt: von der Bilanzposition zurück bis zum einzelnen Beleg.
Deutschland kann Alarm.
Alarm ist unsere Kernkompetenz!
Warnstufen, Aktionspläne, Sondergipfel und Betroffenheitsreden. Wir haben Menschen, die sich auf Straßen kleben. Wir haben andere, die deshalb aus Prinzip einen Diesel kaufen.
Was wir nicht haben: eine sinkende Weltemissionskurve.
Alarm hat noch nie eine einzige Tonne CO₂ verhindert. Er ist ein Gefühl. Kein Werkzeug.
Werkzeuge betrachten.
Kurz, was stimmt # Der Kohlenstoff in der Luft kommt aus fossilen Quellen. Das ist gemessen, nicht gerechnet.
Sechs Monate # Am 9. März 2026 begann an der S-Bahn-Station in Wernau am Neckar der Austausch beider Aufzüge. In Betrieb gehen sollen sie im September. Dazwischen liegen rund sechs Monate.
Während der Bauarbeiten sind die Bahnsteige weiterhin stufenfrei über Rampen zu erreichen. Die Wege über die Rampen sind jedoch nicht barrierefrei. In derselben Mitteilung steht, dass die Wege über diese Rampen nicht barrierefrei sind. Stufenfrei und barrierefrei — zwei Wörter, zwei aufeinanderfolgende Sätze, und dazwischen liegt der ganze Unterschied. Als Alternative wird der Bahnhof Wendlingen genannt, sechs Kilometer entfernt.
Es gibt in der Technik eine Kategorie von Fehler, die schwerer wiegt als jeder Rechenfehler: die Lösung, die selbst zum Problem wird. Ein Rechenfehler wird gefunden und korrigiert. Eine Lösung, die zum Problem wird, ist gegen Korrektur immunisiert, weil sie bereits als Antwort etikettiert ist. Wer sie hinterfragt, wird nicht als Prüfer wahrgenommen, sondern als Gegner der Sache. Genau das ist der Zustand der deutschen Klimapolitik.
Ich will das nicht politisch führen. Ich will es regelungstechnisch führen, weil sich dort zeigt, was schiefläuft — und zwar unabhängig davon, wie man zur Physik steht. Die Physik ist an dieser Stelle nicht der Streitpunkt. Der Streitpunkt ist die Steuerung.