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2026

Sechs Monate ohne Bahnhof

·10 min
Sechs Monate # Am 9. März 2026 begann an der S-Bahn-Station in Wernau am Neckar der Austausch beider Aufzüge. In Betrieb gehen sollen sie im September. Dazwischen liegen rund sechs Monate. Während der Bauarbeiten sind die Bahnsteige weiterhin stufenfrei über Rampen zu erreichen. Die Wege über die Rampen sind jedoch nicht barrierefrei. In derselben Mitteilung steht, dass die Wege über diese Rampen nicht barrierefrei sind. Stufenfrei und barrierefrei — zwei Wörter, zwei aufeinanderfolgende Sätze, und dazwischen liegt der ganze Unterschied. Als Alternative wird der Bahnhof Wendlingen genannt, sechs Kilometer entfernt.

Deutschland: Die Regelgröße ohne Adressat

·7 min
Es gibt in der Technik eine Kategorie von Fehler, die schwerer wiegt als jeder Rechenfehler: die Lösung, die selbst zum Problem wird. Ein Rechenfehler wird gefunden und korrigiert. Eine Lösung, die zum Problem wird, ist gegen Korrektur immunisiert, weil sie bereits als Antwort etikettiert ist. Wer sie hinterfragt, wird nicht als Prüfer wahrgenommen, sondern als Gegner der Sache. Genau das ist der Zustand der deutschen Klimapolitik. Ich will das nicht politisch führen. Ich will es regelungstechnisch führen, weil sich dort zeigt, was schiefläuft — und zwar unabhängig davon, wie man zur Physik steht. Die Physik ist an dieser Stelle nicht der Streitpunkt. Der Streitpunkt ist die Steuerung.

Die 35-Stunden-Woche ist keine Diagnose

·9 min
Nikolas Stihl hat sich dem Vorstoß von Martin Brudermüller angeschlossen: längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich in der Metall- und Elektroindustrie. Seine Begründung gegenüber der dpa: „In den guten Zeiten konnte sich Deutschland die 35-Stunden-Woche leisten." Heute nicht mehr. Adressat ist die IG Metall, Anlass sind die von ihm genannten rund 500.000 Industriearbeitsplätze, auf deren Verlust Deutschland zusteuere. Die billige Antwort darauf — Aktionärsinteresse, Quartalsdenken — geht ins Leere. Stihl ist zu hundert Prozent in Familienbesitz, nicht börsennotiert, mit rund siebzig Prozent Eigenkapital weitgehend unabhängig von Banken und Kapitalmarkt. Es gibt keinen Aktionär, dem hier etwas geliefert werden müsste.

Wo KI im Engineering Sinn macht – und wo sie gefährlich wird

·4 min
Jede zweite Produktankündigung im Engineering-Tooling-Markt trägt inzwischen “KI-gestützt” im Titel. Das ist selten falsch – aber selten auch die interessante Frage. Die interessante Frage lautet: was genau macht KI dabei billiger, und was bleibt genauso teuer wie vorher? Die Antwort ist unbequem für alle, die sich von KI eine Abkürzung erhoffen: KI macht Content billig. Requirements-Text, FMEA-Formulierungen, ISMS-Policy-Entwürfe, Übersetzungen, Erstklassifikationen – all das lässt sich heute in Sekunden erzeugen, wo früher Stunden draufgingen. Was KI nicht billiger macht, ist alles, was mit diesem Content danach passieren muss: Wo hängt die Aussage im System? Wer hat sie freigegeben? Bleibt sie nachvollziehbar, wenn sie sich in sechs Monaten ändert? Wer haftet, wenn sie falsch war?

Rettungsschirme: Wer die Meldung abschaltet, hat den Fehler nicht behoben

·5 min
Wegdrücken und ignorieren - wem kommt das bekannt vor # Ein Rettungsschirm ist keine Maßnahme gegen Scheitern. Er ist eine Maßnahme gegen die Meldung (Kill the Messenger) eines Scheiterns. Der Unterschied ist nicht rhetorisch. Wenn ein Unternehmen zahlungsunfähig wird, hat der Regelkreis funktioniert: Es ist mehr abgeflossen als hereingekommen, über lange Zeit, und das System hat es korrekt angezeigt. Die Anzeige ist die einzige Information, die in dieser Lage überhaupt noch etwas wert ist. Ein Rettungsschirm greift genau dort ein — nicht an der Ursache, sondern an der Anzeige. Danach ist die Ursache unverändert vorhanden und nicht mehr sichtbar. Das ist in jeder Anlage, die ich in zwanzig Jahren gesehen habe, der Zustand kurz vor dem großen Schaden.

Energiespeichersysteme ohne China-Abhängigkeit: Die zweite Zielgröße

·5 min
Die deutsche Energiedebatte kennt im Wesentlichen zwei Lager. Das eine hält Sonne und Wind für die vollständige Antwort und alles andere für Verzögerungstaktik. Das andere hält beides für naiv und wünscht sich leise die alte Ordnung zurück. Beide Lager messen dieselbe einzige Zielgröße: CO2 pro Kilowattstunde. Sie unterscheiden sich nur in der Frage, ob diese Zielgröße überhaupt relevant ist. Keines der beiden Lager stellt die eigentlich interessante Frage: Ist eine Zielgröße, bei der die Lieferkette systematisch aus der Betrachtung fällt, überhaupt eine vollständige Zielgröße?

Er hat nicht recht, weil er der Chef ist

·6 min
2022 habe ich hier zwei Sätze aufgeschrieben, denen jeder zustimmt: Eine Aussage einer Person, die ich mag, wird deshalb nicht richtig. Eine Aussage einer Person, die ich verachte, wird dadurch nicht falsch. Es gibt eine dritte Zeile. Sie spricht selten jemand aus: Und die Aussage einer Person, die über mir steht, wird dadurch auch nicht richtig. Der erste Teil dieser Reihe war an Führungskräfte gerichtet: Zustimmung ist kein Empfangsbeleg. Dieser hier ist an die andere Seite gerichtet, und er ist unangenehmer. Nicht weil er härter formuliert ist, sondern weil das, was er verlangt, Sie etwas kostet und den Chef nichts.

Zustimmung ist kein Empfangsbeleg

·8 min
Barry Boehm und Victor Basili haben es aufgeschrieben, und seitdem hat niemand ernsthaft widersprochen: 40 bis 50 Prozent des Gesamtaufwandes eines Softwareprojekts entstehen durch vermeidbare Nacharbeit. Fehler, die spät gefunden werden, kosten bis zum Hundertfachen dessen, was sie früh gekostet hätten. Die Zahlen sind älter als die meisten Menschen, die heute Projekte leiten. Als Ursache steht in derselben Quelle: mangelnde Kommunikation. Und seit vierzig Jahren wird diese Ursache als Werkzeugproblem behandelt. Ein Tool mehr, ein Ritual mehr, ein Kanal mehr. Die Zahl bewegt sich nicht.

Sanierung repariert Bilanzen, keine Fähigkeiten

·6 min
Am 1. April 2025 meldete Varta den erfolgreichen Abschluss des StaRUG-Verfahrens. Die Verschuldung war von rund 485 auf 230 Mio. Euro gesenkt, 60 Mio. Euro Kapitalerhöhung und 60 Mio. Euro Neufinanzierung standen bereit, die Finanzierung war nach eigener Aussage bis Ende 2027 gesichert. Am 24. Juli 2026 stellte Varta beim Amtsgericht Stuttgart vier Insolvenzanträge. Seit dem 28. Juli läuft ein reguläres Insolvenzverfahren unter einem vorläufigen Insolvenzverwalter. Fünfzehn Monate. Im vorigen Beitrag ging es um die Frage, ob der Markt schuld ist. Diesmal geht es um die Frage, warum eine formal erfolgreiche Sanierung ein Unternehmen nicht rettet. Meine Antwort: weil die Sanierung dafür nicht gebaut ist — und weil niemand dafür verantwortlich gemacht wird, dass sie es nicht ist.

Bund und Länderhaushalt: Wer nicht misst, wird nicht gekürzt

·9 min
Der Bund führt keine Bilanz, kennt seine Stückkosten nicht und weist für seine Programme keine Wirkung nach. Das ist kein Versagen, sondern eine Konstruktion mit Nutznießern. Eine Bestandsaufnahme, die Ursachenkette und ein Vorschlag, wie Adressatenmessung im Haushalt aussehen müsste.