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Mehr Stunden — gegen was?

·5 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Der Vorstand von Mercedes-Benz hat den Arbeitnehmervertreter:innen offenbar unmissverständlich klargemacht, was passiert, wenn sie die geplante Anhebung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden – ohne Lohnausgleich – ablehnen: Quelle1 . Quelle2. Schließung eines deutschen Werks, verstärkte Verlagerung der Produktion nach Osteuropa. Recherchen der WirtschaftsWoche zufolge steht das im Raum. Zeitlich fällt der Vorstoß in die Woche direkt nach der weitreichenden Einigung zwischen VW und der Gewerkschaft – Mercedes orientiert sich sichtbar an diesem Muster und nutzt denselben Moment.

Vor vier Wochen ging es hier um Nikolas Stihls Vorstoß in dieselbe Richtung. Der Mercedes-Fall ist kein Wiederholungsfall. Er ist schärfer – aus Gründen, die der Konzern in derselben Meldung selbst mitliefert.

Der Unterschied zu Stihl
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Bei Stihl lief die billige Antwort – Aktionärsinteresse, Quartalsdenken – ins Leere. Hundert Prozent Familienbesitz, keine Börsennotierung, kein Aktionär, dem etwas geliefert werden müsste. Bei Mercedes-Benz Group AG, DAX-notiert, quartalsberichtspflichtig, läuft dieselbe Antwort nicht ins Leere. Das allein wäre aber wieder die billige Version des Einwands – die interessante Frage ist eine andere: Braucht Mercedes die Stunden überhaupt für das, wofür sie angeblich gebraucht werden?

Die Kapazität ist bereits gelöst
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Mehr Stunden werden nur dann zu Beschäftigung, wenn sie zusätzliche verkaufte Ausbringung erzeugen – das war die Bedingung im Stihl-Fall, und sie gilt hier genauso. Sie gilt exakt dann, wenn Kapazität die Grenze ist, nicht Nachfrage.

Mercedes hat diese Frage öffentlich beantwortet, kurz bevor das Ultimatum bekannt wurde: Das Werk in Kecskemét hat seine Kapazität gerade von 200.000 auf 400.000 Einheiten pro Jahr verdoppelt. Flexachsen verbinden Bremen mit Kecskemét und Rastatt mit Kecskemét – Produktion lässt sich zwischen den Standorten technisch bereits verschieben. Die Faktorkosten in Ungarn liegen nach Konzernangaben rund 70 Prozent unter dem deutschen Niveau.

Wer eine Kapazitätsgrenze in Deutschland hat, baut sich nicht siebenhundert Kilometer entfernt zu einem Bruchteil der Kosten eine zweite Fabrik, die genau diese Grenze auflöst, und verlangt anschließend fünf unbezahlte Stunden pro Woche, um dieselbe Grenze zu Hause zu sprengen. Beides gleichzeitig ergibt keinen Sinn – es sei denn, die Kapazitätsgrenze war nie das eigentliche Argument. Fairerweise: Ob die Gesamtnachfrage des Konzerns wächst und ob Kecskemét als Zusatz- statt als Ersatzkapazität gedacht ist, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen. Genau deshalb trägt das nächste Argument die eigentliche Last.

Vierzehn Prozent – der Vorstand widerlegt sich selbst
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Der Vorstand hat laut Bericht zusätzlich in Aussicht gestellt, den deutschen Personalbestand über natürliche Fluktuation und Renteneintritte um rund 14 Prozent zu senken – ohne klassischen Stellenabbau, aber mit demselben Ergebnis.

Das ist keine Interpretation, das ist Arithmetik. Wenn die verbleibende Belegschaft mehr Stunden leisten soll und die Belegschaft selbst gleichzeitig planmäßig kleiner wird, kann „mehr Stunden schützen Arbeitsplätze" nicht die Beschreibung dessen sein, was passiert. Es ist Personalabbau mit eingebautem Stundenausgleich, öffentlich als Beschäftigungssicherung verkauft. Der Vorstand hat diesen Widerspruch nicht versteckt – er steht in derselben Aussage, aus der auch das Ultimatum stammt.

Verwaltung ist explizit dabei
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Betroffen von der Regelung wären laut Bericht Produktion, Entwicklung, Vertrieb und Verwaltung gleichermaßen. Das ist der Punkt, an dem sich der Drei-Anteile-Gedanke aus dem Stihl-Artikel noch schärfer anwenden lässt als dort: Wertschöpfung, notwendige Nebenleistung, Fehlleistung.

Dass in der Verwaltung administrativer Overhead existiert, ist bekannt – Statusrunden, doppelte Datenpflege zwischen Systemen, Freigabeschleifen, Abstimmung, die nur deshalb nötig ist, weil eine Schnittstelle nie deklariert wurde. Bekannt ist er in dem Sinn, dass niemand ihn bestreitet, wenn man ihn anspricht. Gemessen ist er bei den seltensten Unternehmen. Wer fünf Stunden mehr von der Verwaltung verlangt, ohne das Verhältnis zu kennen, kauft mit den fünf Stunden dieselbe unbekannte Mischung aus echter Arbeit und Leerlauf, die die Belegschaft ohnehin schon täglich mit sich herumträgt – nur eben umsonst.

Krankenquote und Feiertage – Symptom, nicht Ursache
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Als weitere Kostenfaktoren neben dem Lohnniveau nennt der Vorstand die höhere Krankenquote an deutschen Standorten und die größere Zahl an Feiertagen. Beides verdient eine genauere Betrachtung, bevor es als Argument für mehr Stunden durchgeht.

Feiertage sind Landesrecht, kein Verhandlungsgegenstand der Belegschaft und kein Ergebnis individuellen Verhaltens – sie einem Standort als Kostennachteil anzurechnen, vergleicht einen Kalender, nicht eine Arbeitsleistung. Bei der Krankenquote fehlt der Wirkungsnachweis in die richtige Richtung: Dass unbezahlte Mehrarbeit unter Schließungsdrohung eine hohe Krankenquote senkt, ist durch nichts belegt. Der bekanntere Zusammenhang läuft andersherum – Druck und unbezahlte Zusatzbelastung erhöhen typischerweise Ausfallzeiten, sie senken sie nicht. Wenn die Krankenquote das eigentliche Problem ist, ist die vorgeschlagene Lösung nicht die, die zur Diagnose passt.

Mehr Stunden — gegen was?
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Im Stihl-Fall lautete die Frage: fünf Stunden mehr – wovon? Bei Mercedes reicht das nicht mehr. Die schärfere Frage ist: mehr Stunden – gegen was?

Gegen nichts. Die Mehrarbeit ist unbezahlt. Sie wird nicht verhandelt, sondern unter einer konkreten, bereits vorbereiteten Alternative angeboten – Werksschließung, Verlagerung in eine Fabrik, die exakt für diesen Zweck schon steht und läuft. Bei Stihl war der Vorstoß immerhin als ökonomische Notwendigkeit eines konkreten, nicht börsennotierten Unternehmens mit einer echten Bilanz begründet. Bei Mercedes steht der Notausgang schon offen, bevor überhaupt verhandelt wird. Das ist keine Verhandlung mehr. Eine Verhandlung hat zwei Seiten, die beide etwas verlieren können, wenn sie scheitert. Hier verliert nur eine.

Schluss
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Der Vorstand hat drei Zahlen genannt, die zusammen nicht zu der Geschichte passen, die sie erzählen sollen: eine verdoppelte Ausweichkapazität, die die Kapazitätsnot in Deutschland widerlegt. Eine geplante Personalreduktion von 14 Prozent, die die Beschäftigungssicherung widerlegt. Und eine Verwaltung, die als Kostenblock benannt, aber nie vermessen wurde. Wer mit den eigenen Zahlen die eigene Begründung entkräftet, hat kein Kommunikationsproblem. Er hat sich entschieden, die Belegschaft für dumm zu verkaufen, und ist dabei nachlässig genug, die Beweise selbst mitzuliefern.

Genau diese drei Zahlen – Kapazitätsauslastung je Standort, Wertschöpfungs-/Nebenleistungs-/Fehlleistungsanteil in der Verwaltung, tatsächlicher Personalbestand gegen geplanten Personalbestand – gehören in ein System, das sie laufend zeigt, statt sie einmal im Jahr für eine Verhandlung zusammenzuschreiben. OTSM ist genau dafür gebaut: die Kennzahlen, mit denen ein Vorstand seine eigene Position prüfen müsste, bevor er sie öffentlich macht – und mit denen eine Belegschaft dieselbe Position in derselben Klarheit zurückprüfen kann.