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Wann ist es zu spät?

·7 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Es gibt einen Punkt, an dem Bremsen nicht mehr hilft.

Jeder Autofahrer kennt ihn, auch wenn er nie darüber nachdenkt. Wenn eine Wand vor Ihnen auftaucht, ist der entscheidende Moment nicht der Aufprall. Der entscheidende Moment liegt weit davor: der letzte Zeitpunkt, an dem Bremsen noch reicht. Danach können Sie das Pedal durchtreten, so hart Sie wollen. Es ändert nichts mehr.

Bei Firmen ist es dasselbe. Bei Behörden auch. Nur sieht man die Wand nicht, und niemand sagt Ihnen, wann Sie den Punkt passiert haben.

Deshalb hört man in Unternehmen ständig diesen Satz: “Wir haben doch alles versucht.” Meistens stimmt er sogar. Es war zu diesem Zeitpunkt nur schon egal.

Die nützliche Frage ist also nicht: Wie schlecht stehen wir da?

Sondern: Wie lange können wir noch umsteuern?

Darauf gibt es eine Antwort. Man muss dafür nur drei Dinge auseinanderhalten, die von außen gleich aussehen und in Wahrheit völlig verschieden sind.

Erstens: Es war von Anfang an nicht möglich
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Ein Vorstand beschließt zwölf Projekte. Es gibt Leute für sieben. Niemand rechnet das nach.

Was jetzt nicht passiert: dass sieben Projekte fertig werden und fünf ordentlich verschoben. Was stattdessen passiert: alle zwölf werden angefangen und alle zwölf werden schlechter. Irgendwann fällt eines aus. Dann heißt es: “Nicht so schlimm.”

Was beschlossen istWas möglich istDiese Arbeit fällt weg — nur entscheidet niemand, welche

Das ist die harmloseste der drei Arten, weil sie sich am leichtesten beheben lässt: nachzählen. Was ist zugesagt, was ist tatsächlich machbar.

Und damit kein Missverständnis entsteht: Ein Ziel, das über dem heute Machbaren liegt, ist völlig in Ordnung. Es ist oft notwendig. Der Fehler ist nicht das große Ziel. Der Fehler ist das große Ziel ohne Streichliste. Denn gestrichen wird sowieso — nur eben unten, ungeplant, und ohne dass jemand die Verantwortung dafür übernimmt.

Zweitens: Zu lange gewartet
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Jede Firma hat einen Vorsprung. Ein Produkt, das noch gekauft wird. Kunden, die noch bleiben. Geld, das noch reicht. Nennen wir es den Vorrat.

Und jede Firma braucht eine bestimmte Zeit, um sich umzubauen. Neue Leute einarbeiten. Neues Können aufbauen. Maschinen ersetzen. Diese Zeit kann man schätzen, und sie ist bei großen Organisationen fast immer länger, als die Beteiligten glauben — Jahre, nicht Monate.

Jetzt kommt der entscheidende Satz. Es ist nicht zu spät, wenn der Vorrat leer ist. Es ist zu spät, sobald der restliche Vorrat kürzer ist als die Umbauzeit.

so lange dauert der UmbauVorrathier ist es zu spätleer

Zwischen dem roten Punkt und dem Ende sieht alles noch normal aus. Es wird weiter Umsatz gemacht. Es werden weiter Gehälter gezahlt. Und trotzdem ist die Sache in diesem Moment entschieden, unabhängig davon, was danach beschlossen wird.

Genau das ist Kodak passiert. Nicht Trägheit im Sinne von Faulheit — die Firma hat die Digitalkamera sogar selbst erfunden. Der Vorrat war nur schon kürzer als der Umbau, als man ihn ernsthaft anfing.

Woran man es erkennt: Fragen Sie nicht, wie gut es gerade läuft. Fragen Sie nach zwei Zahlen. Wie lange hält unser Vorrat noch? Und wie lange bräuchten wir für den Umbau? Die erste Zahl muss deutlich größer sein als die zweite. Sonst ist es nicht knapp — sonst ist es vorbei.

Drittens: Es reagiert niemand mehr
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Der dritte Fall ist der unangenehmste, und er hat einen Namen aus der Fliegerei: das Flachtrudeln.

Ein Flugzeug im Flachtrudeln fällt fast waagerecht und dreht sich dabei. Das Entscheidende daran ist nicht, dass die Steuerung ausgefallen wäre. Die Ruder sind da. Der Pilot kann sie voll ausschlagen. Sie wirken nur nicht mehr, weil die Luft nicht mehr richtig anströmt.

Übersetzt: Die Führung kann alles anordnen. Sie hat jede Vollmacht. Es passiert nur nichts mehr.

Anweisungen von obenOrganisationWas sich tatsächlich verändertnichts

Dieser Zustand hält sich selbst. Weil nichts passiert, wird stärker angeordnet. Weil stärker angeordnet wird, melden noch weniger Leute, was wirklich geht. Es ist eine Schraube, die sich von allein weiterdreht.

Und er ist der gefährlichste der drei Fälle, weil alle Zahlen gut aussehen.

Warum genau dieser Fall unsichtbar ist
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Das Messgerät für die ersten beiden Fälle ist nämlich kein Bericht. Es ist der Mitarbeiter, der sagt: “Das schaffen wir so nicht.”

Wenn dieser Satz als Einstellungsproblem gelesen wird — als Jammern, als Widerstand, als mangelnde Begeisterung — dann sagt ihn beim nächsten Mal niemand mehr. Und ab da hat die Organisation keinen schlechten Vorlauf. Sie hat gar keine Anzeige mehr dafür, wie viel Vorlauf noch da ist.

Dazu kommt ein zweiter, sehr unscheinbarer Vorgang. Wenn ein neues Vorhaben kommt, sagt jemand: “Dann fällt aber Projekt 125 hinten runter.” Und die Antwort ist: “Ja, nicht so schlimm.”

Aufgeschrieben wird das nicht. Ein halbes Jahr später fehlt Projekt 125, und es heißt: “Das konnte keiner wissen.”

Hier lohnt es sich genau hinzusehen, denn der Satz ist keine Lüge. Er ist wahr. Es gibt kein Papier, kein Datum, keine Unterschrift, gegen die man prüfen könnte. Niemand hat etwas vertuscht. Die Erinnerung existiert einfach nicht.

Drei Fehler, die dorthin führen
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Es sind keine Charakterfehler. Es sind drei Dinge, die man weglässt.

  1. Anordnen ohne Streichliste. Wer etwas Neues zusagt, ohne zu sagen, was dafür entfällt, verbraucht Kraft, die er nicht verbucht.
  2. Abhaken ohne Aufschreiben. Eine Streichung ohne Datum und Unterschrift ist keine Entscheidung. Sie ist nur ein Gespräch.
  3. “Geht nicht” als Stimmung lesen. Damit schaltet man das einzige Messgerät ab, das die anderen beiden Fälle überhaupt sichtbar macht.

Jeder Punkt ist für sich reparabel — und zwar billig. Alle drei zusammen sind der Zustand, aus dem man nicht herauskommt, indem man stärker am gleichen Ruder zieht.

Was man ab nächster Woche messen kann
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Drei Zahlen. Keine Software nötig, kein Projekt, keine Beratung.

  • Zugesagt gegen machbar. Pro Abteilung. Nicht als Durchschnitt über die Firma — der Durchschnitt versteckt genau die Stelle, an der es reißt.
  • Vorrat gegen Umbauzeit. Die zwei Zahlen aus dem zweiten Fall.
  • Wie lange dauert es, bis eine Anordnung sich messbar auswirkt? Und wie viele Warnungen wurden abgehakt, ohne dass danach ein Plan geändert wurde?

Die letzte Zahl ist die wichtigste. Sie ist die einzige, die den dritten Fall findet, solange er noch reparabel ist.

Ein Vorbehalt, der dazugehört
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“Zu spät” gilt immer nur für eine bestimmte Frage, nie allgemein. Ein Land geht nicht unter — aber ein Standort für ein bestimmtes Produkt kann weg sein, und zwar endgültig. Eine Branche verschwindet nicht — aber einzelne Firmen darin verschwinden.

Wer über “zu spät” reden will, muss deshalb immer dazusagen: zu spät wofür, und für wen. Alles andere ist Stimmung, keine Aussage. Und es ist immer das Einzelteil, das bricht, nie der Durchschnitt.

Der Punkt liegt nicht an der Wand. Er liegt dort, wo der Bremsweg anfängt. Das ist die einzig interessante Stelle — und die einzige, an der man noch etwas tun kann.

Für Methodiker

Formal ist der Handlungsvorlauf H = R / |ṙ| − T_min, mit R als Reserve (Abstand des Ist-Verlaufs zur Wand des erforderlichen Korridors, nicht des deklarierten), ṙ als Driftrate über ein Messfenster, dessen Abtastung schneller ist als die schnellste relevante Veränderung, und T_min als minimaler Umbauzeit aus der Menge der erreichbaren Verläufe. H ≤ 0 markiert den Punkt ohne Rückkehr.

Die drei Fälle sind damit sauber getrennt: Fall 1 ist eine gescheiterte Erreichbarkeits-Prüfung (Mittellinie ⊄ erreichbare Verläufe) und betrifft die Stellgrenzen. Fall 2 ist Kapazitäts-Drift und betrifft den Vorlauf. Fall 3 ist Verlust der Steuerwirksamkeit — die Steueraktion wird gesetzt, der Verlauf reagiert nicht — und ist ein Attraktor, weshalb er sich nicht durch stärkere Aktion desselben Typs verlassen lässt.

Die Entscheidungsregel dahinter lautet: Ein Auftrag, der die Menge der erreichbaren Verläufe verlässt, ist entweder ein Kapazitätsauftrag — die Stellgrenzen werden mitverändert — oder eine unsichere Steueraktion. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Mathematische Anker, alle etabliert und nachprüfbar: Tube-based Model Predictive Control (Mayne, Langson, Rawlings) für Korridor und robust positiv invariante Menge; Viability Theory und der Viability Kernel (Aubin, Frankowska) für die Menge der Zustände, aus denen überhaupt noch eine zulässige Steuerung existiert — der formal exakte Begriff für “Punkt ohne Rückkehr”; Levesons STAMP/STPA für die Steuerungssicht und die unsicheren Steueraktionen; das Abtasttheorem (Nyquist/Shannon) für die Messfenster-Bedingung, deren Verletzung Ruhe anzeigt, wo Bewegung ist.