Es gibt in der Technik eine Kategorie von Fehler, die schwerer wiegt als jeder Rechenfehler: die Lösung, die selbst zum Problem wird. Ein Rechenfehler wird gefunden und korrigiert. Eine Lösung, die zum Problem wird, ist gegen Korrektur immunisiert, weil sie bereits als Antwort etikettiert ist. Wer sie hinterfragt, wird nicht als Prüfer wahrgenommen, sondern als Gegner der Sache. Genau das ist der Zustand der deutschen Klimapolitik.
Ich will das nicht politisch führen. Ich will es regelungstechnisch führen, weil sich dort zeigt, was schiefläuft — und zwar unabhängig davon, wie man zur Physik steht. Die Physik ist an dieser Stelle nicht der Streitpunkt. Der Streitpunkt ist die Steuerung.
Was hier eigentlich geregelt wird#
Ein Regelkreis braucht vier Dinge: eine Führungsgröße, also den Sollzustand; eine Regelgröße, also das, was tatsächlich verstellt wird; eine Messgröße, an der man abliest, ob man dem Sollzustand näherkommt; und eine Rückführung, die das Ergebnis in die nächste Stellentscheidung trägt. Fehlt eines davon, hat man keinen Regelkreis, sondern eine Steuerung mit Zuversicht.
Die deutsche Klimapolitik hat als Führungsgröße nichts Messbares. Sie hat einen Zielwert für eine Regelgröße — territoriale Treibhausgasemissionen innerhalb der Bundesgrenzen — und behandelt diesen Zielwert, als wäre er der Sollzustand selbst. Das ist die erste Verwechslung, und sie zieht alles Weitere nach sich.
Denn die territoriale Emissionsbilanz ist eine Anbietergröße. Sie misst, was im Inland ausgestoßen wird, nicht, was die hier lebenden Menschen verursachen. Wird eine Produktion nach Asien verlagert, sinkt die deutsche Bilanz und die globale steigt, weil dort mit schmutzigerem Strom produziert und das Ergebnis anschließend um die halbe Welt transportiert wird. Die Messgröße verbessert sich, während der Zweck verfehlt wird. Das ist keine Randerscheinung, das ist die eingebaute Logik dieser Bilanzierung. Die konsumbasierte Bilanz, die genau diesen Effekt sichtbar machen würde, existiert, wird berechnet, und ist politisch bedeutungslos, weil an ihr keine Zielvorgabe hängt.
Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass jede Messung ohne Toleranzband bedeutungslos ist. Hier liegt der Fall schlimmer: Es gibt ein Band, aber es liegt um die falsche Größe. Wir messen den Anbieter und behaupten, wir hätten den Adressaten gemessen.
Der erlaubte Raum wurde auf eine Achse verengt#
Lebensfähigkeit ist kein Optimum, sondern ein Raum. Ein System ist lebensfähig, solange es sich in einem Bereich bewegt, in dem alle wesentlichen Größen gleichzeitig innerhalb ihrer Grenzen bleiben. Wer eine Größe an den Rand optimiert, verlässt den Raum über eine andere Achse — nicht weil er falsch gerechnet hätte, sondern weil er nur eine Achse betrachtet hat.
Für ein Industrieland sind mindestens vier Achsen gleichrangig. Erstens die Emissionen, gemessen am Verbrauch, nicht an der Produktion. Zweitens die Energieverfügbarkeit, und zwar zu jeder Stunde, nicht im Jahresmittel. Drittens die Bezahlbarkeit, gemessen am unteren Einkommensdrittel, weil dort die Grenze der Tragfähigkeit liegt und nicht beim Durchschnitt. Viertens die Souveränität der Lieferketten, weil eine Energieversorgung, die von einem einzigen Lieferanten für Zellen, Wechselrichter oder Seltene Erden abhängt, keine Versorgung ist, sondern eine Wette.
Die deutsche Politik regelt auf Achse eins und behandelt die anderen drei als Nebenbedingungen, die sich schon einstellen werden. (Presenting a solution, that becopmes a Problem) Sie stellen sich nicht ein. Man sieht das an den Industriestrompreisen, an der Abwanderung energieintensiver Fertigung, an der Zellfertigung, die es in Europa in relevanter Größe nicht gibt, und an einer Bevölkerung, die den Umbau über Abgaben trägt, während die Entscheidungen darüber an anderer Stelle getroffen werden.
Und genau hier entsteht der Effekt, den ich für den eigentlichen Schaden halte: Die Verantwortung wird nach unten verschoben. Der Bürger soll sein Heizungssystem tauschen, sein Auto tauschen, seine Fahrten reduzieren, seinen Konsum begründen. Er zahlt die Bepreisung, deren Wirkung auf die globale Bilanz niemand ihm ausweist. Er bekommt keine Größe genannt, an der er ablesen könnte, ob sein Beitrag etwas bewirkt hat. Er bekommt stattdessen die Zusicherung, dass es notwendig sei. Das ist keine Regelung. Das ist IMHO Schwachsinn.
Die Fallstricke, die schon zugeschnappt sind#
Die Solarförderung ist das Lehrstück. Über zwei Jahrzehnte wurde die Anwendung subventioniert und nicht die Fertigung. Die Nachfrage entstand hier, die Skalenerträge entstanden dort, die Industrie ist heute weg und die Abhängigkeit ist total. Das Geld wurde ausgegeben, das Ziel wurde in der territorialen Bilanz erreicht, und das Ergebnis ist eine Energiewende auf fremden Lieferketten. Wer Anwendung fördert statt Fähigkeit, kauft Statistik und verkauft Substanz.
Der zweite Fallstrick ist die Reihenfolge. Es gibt für jede Maßnahme spezifische Vermeidungskosten, also Euro pro vermiedener Tonne. Diese Zahlen unterscheiden sich zwischen den Maßnahmen um mehr als eine Größenordnung. Eine rationale Politik würde nach diesen Kosten sortieren und oben anfangen. Die deutsche Politik sortiert nach Sichtbarkeit und macht alles gleichzeitig. Damit werden teure Maßnahmen mit demselben Nachdruck durchgesetzt wie billige, das verfügbare Kapital wird an der falschen Stelle verbraucht, und die Akzeptanz verbrennt an genau den Maßnahmen, die am wenigsten bringen.
Der dritte Fallstrick ist die Verwechslung von Bestand und Strom. Emissionen sind ein Strom, die atmosphärische Konzentration ist ein Bestand. Eine Senke, die Kohlenstoff für zehn Jahre bindet und dann wieder abgibt, ist bilanziell eine Gutschrift und physikalisch eine Verzögerung. Wer Wald als Senke zertifiziert, kauft Zeit und nennt es Lösung. Wer denselben Kohlenstoff dagegen als Werkstoff verbaut — Holz, Bambus, Faserverbund im Bau statt Stahl und Zement — bindet ihn über Jahrzehnte und ersetzt gleichzeitig einen der emissionsintensivsten Prozesse überhaupt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Wegen ist der Unterschied zwischen einer Buchung und einer Wirkung.
Was ich stattdessen für sinnvoll halte#
Erstens: Zuerst die Messgröße korrigieren, bevor irgendetwas anderes passiert. Die konsumbasierte Bilanz gehört als führende Größe eingesetzt, nicht als Fußnote. Sobald Verlagerung die Zahl nicht mehr verbessert, hört Verlagerung als Strategie auf zu funktionieren. Das ist ein einziger Definitionsakt, er kostet nichts, und er macht sofort einen erheblichen Teil der bisherigen Erfolgsmeldungen ungültig. Genau deshalb wird er nicht vollzogen.
Zweitens: die zweite Zielgröße gleichrangig einführen: Souveränität der Lieferkette, gemessen als Anteil der kritischen Komponenten, der im eigenen Wirtschaftsraum gefertigt werden kann. Nicht als Bekenntnis, sondern als Zahl mit Zielwert und Frist. Eine Maßnahme, die Achse eins verbessert und Achse vier verschlechtert, ist dann keine Maßnahme mehr, sondern ein Zielkonflikt, der explizit entschieden werden muss.
Drittens: Priorisierung nach Vermeidungskosten, offengelegt und nachrechenbar. Wenn eine Maßnahme das Zwanzigfache pro Tonne kostet wie eine andere, muss das im Dokument stehen und begründet werden. Wer das nicht ausweist, hat nicht optimiert, sondern ausgewählt.
Viertens: Fähigkeit fördern statt Anwendung. Forschung, Fertigungstechnik, Prozesskompetenz, Netzinfrastruktur, Speicher nach Zeitskala getrennt betrachtet — Sekunden, Stunden, Wochen, Saison sind vier verschiedene Probleme mit vier verschiedenen Lösungen. Eine Kaufprämie erzeugt keine Fähigkeit. Sie erzeugt Absatz, und zwar für den, der schon liefern kann.
Fünftens: Anpassung als gleichrangige Aufgabe. Ein Teil der Erwärmung ist unabhängig von allen weiteren Entscheidungen bereits festgelegt. Hochwasserschutz, Wasserrückhalt, Stadtkühlung, Netzresilienz sind Maßnahmen mit sicherem Nutzen, die niemandem etwas wegnehmen und deren Wirkung am Adressaten messbar ist. Dass sie in der Debatte kaum vorkommen, sagt etwas darüber aus, was diese Debatte eigentlich organisiert.
Und sechstens: Die Stelle, die den Zustand erzeugt hat, darf nicht die Stelle sein, die ihn bewertet. Das ist kein Misstrauen gegenüber Personen, das ist Verursacherprinzip. Wer über zwanzig Jahre eine Förderarchitektur gebaut hat, deren Ergebnis eine vollständige Auslandsabhängigkeit ist, ist nicht der geeignete Prüfer dieser Architektur. Die Wirksamkeitsbewertung gehört an eine Instanz mit Zugriff auf Rohdaten, Modellannahmen und Kostenrechnung — und mit der Pflicht, Unwirksamkeit anzuzeigen.
Der Punkt#
Ich bestreite nicht, dass sich das Klima ändert, und ich bestreite nicht, dass der Kohlenstoff aus fossilen Quellen stammt. Das ist gemessen, und zwar an mehreren unabhängigen Größen. Was ich bestreite, ist die Behauptung, das, was hier betrieben wird, sei die daraus folgende Konsequenz.
Eine Politik, die eine Anbietergröße regelt, den Erfolg an einer Zahl misst, die sich durch Verlagerung verbessern lässt, die Kosten auf die Bevölkerung verteilt und die Wirksamkeit nie ausweist, ist kein Regelkreis. Sie ist eine offene Steuerung mit einer Rechnung am Ende und ohne Rückmeldung dazwischen.
Und eine Lösung ohne Rückmeldung ist keine Lösung. Sie ist nur ein Problem, das noch niemand so nennen darf.
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