Zum Hauptinhalt springen

Kein Vorschlag ohne Prüfspur. Der Mindeststandard für jede Experten-Empfehlung.

·4 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Es kommt in Wellen. Ein Gremium tagt, eine Kommission liefert, ein „Expertenrat" empfiehlt — und heraus kommt eine Zahl, ein Schwellwert, eine Einstufung, an der sich anschließend Politik ausrichtet. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, warum eine Zahl ohne offengelegten Bezug keine Information ist, sondern eine Behauptung mit Ziffern. Hier wird es konkret. Hier steht, was auf den Tisch gehört. Vollständig, ohne Schwärzung, öffentlich einsehbar.

Nicht, weil ich niemandem traue. Sondern weil Vertrauen das falsche Wort ist. Das richtige Wort heißt Nachrechenbarkeit. Und Nachrechenbarkeit hat eine Stückliste.

1. Die Auftragsunterlagen. Wer hat was in Auftrag gegeben, mit welcher Fragestellung, welchem Budget, welcher Frist. Wer die Frage kontrolliert, kontrolliert die Antwort. Ohne den Auftrag kennt man das Ergebnis, aber nicht die Bestellung dahinter.

2. Die Originaldaten. Die Rohdaten, im Ursprungsformat, mit Herkunft und Erhebungsdatum. Nicht die aggregierte Tabelle, nicht die schöne Grafik. Anonymisiert, wo es nötig ist — aber nicht selektiert, nicht geglättet, nicht kuratiert.

3. Den Nachweis der Mess- und Messmittelfähigkeit. Womit wurde erhoben, mit welcher Auflösung, mit welcher Unsicherheit? Jeder verwendete Wert braucht eine Quelle und ein Toleranzband. Eine Zahl ohne Messunsicherheit ist keine Messung, sie ist eine Ziffer mit gutem Selbstbewusstsein. Wer den Nachweis der Messmittelfähigkeit nicht führen kann, hat nicht gemessen, sondern geschätzt — und soll das dann auch so nennen.

4. Das methodische Vorgehen und den Nachweis der Modellvalidität. Welches Modell, welche Annahmen, welche Parameter. Wo wurde gewichtet, wo extrapoliert, wo geglättet. Und vor allem: Wurde das Modell je gegen unabhängige Realdaten validiert? Ein Modell, das nie an der Wirklichkeit geprüft wurde, ist eine Meinung in Gleichungsform.

5. Die Algorithmen der Datenkonsolidierung. Wie wurden die Rohdaten zusammengeführt, bereinigt, gemappt. Reproduzierbar, damit ein Dritter aus denselben Rohdaten dieselbe Konsolidierung erzeugt. Sonst entsteht der Zwischenschritt, in dem Ergebnisse gemacht statt gemessen werden.

6. Die Methoden zur Validierung der vorgelegten Daten. Wie wurde geprüft, dass die Eingangsdaten überhaupt stimmen? Plausibilisierung, Gegenprüfung, Quellenabgleich. Wer nur weitergibt, was er bekommen hat, ist ein Durchlauferhitzer, kein Gutachter.

7. Die Entscheidungskriterien. Als Regel aufgeschrieben, nicht als „Abwägung" versteckt. Warum genau dieser Schwellwert und nicht der daneben. „Wir haben abgewogen" ist keine Regel. Es ist die Weigerung, eine zu nennen.

8. Den öffentlichen Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte. Finanzierung, Nebentätigkeiten, Auftraggeber-Nähe. Nicht auf Nachfrage. Vorab, sichtbar, vollständig.

Zu jedem Punkt gehört ein Datum: erhoben am, gültig bis. Eine Berechnung von gestern, die morgen noch als Fundament dient, ist kein Fundament, sondern eine Ruine mit amtlichem Briefkopf.

Das ist kein exotischer Anspruch. Das ist der Standard, den jedes ordentliche Prüflabor seit hundert Jahren einhält, bevor ein Bauteil freigegeben wird. Wenn wir ihn bei einer Bremse verlangen, verlangen wir ihn erst recht dort, wo eine Einstufung über Grundrechte, Beiträge oder die Gesundheit von Millionen entscheidet.

Die Liste ist offen. Sie ließe sich um Punkt 9 und Punkt 10 erweitern, je nach Gegenstand. Aber schon diese acht Punkte hätte jede seriöse Kommission ohnehin in der Schublade — sie hatte Daten, hat gerechnet, hat entschieden. Sie müsste nur den Deckel heben. Dass sie es nicht tut, ist keine Nachlässigkeit. Es ist eine Entscheidung.

Und dieselbe Entscheidung trifft, wer die Zahl weiterträgt, ohne den Deckel zu verlangen. Ein Journalist, der eine nicht nachrechenbare Empfehlung abschreibt und „Experten empfehlen" darüberschreibt, ist kein Korrektiv. Er ist der Verstärker. Wer bei einer unbelegten Zahl nicht die acht Punkte einfordert, hat sich nicht neutral verhalten — er hat sich entschieden, für die Seite, die das Dunkel braucht. Und eine Regierung, die ihre Politik auf Daten stützt, die sie nicht mitliefert, sagt damit, dass sie die Daten für weniger belastbar hält als die eigene Autorität. Der Verweis auf „die Ökonomen" oder „die Wissenschaft" ersetzt die Liste nicht. Er ist der Versuch, sie zu umgehen.

Also, ohne Ausrede: Erst der Katalog, dann die Empfehlung. Wer den Katalog verweigert, hat die wichtigste Frage über sein Ergebnis bereits beantwortet.

Weiterführend: Die Daten! Gebt mir die Daten! · Klimawandel: Bitte seid mal seriös · Falscher Dampfer: Die Wirtschaftswissenschaft misst den Anbieter und nennt es Wohlstand