↓ Zum Hauptinhalt springen

Prüfen statt nachplappern

·7 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Ich habe OTSM gebaut. Experte bin ich trotzdem nicht.

Was in OTSM steckt
#

Ich entwickle OTSM, eine Plattform für Organisation, Strategie, Businessplanning, Projektmanagement, Compliance, Requirements Engineering, FMEA, ISMS und Systemengineering. Heute steckt darin ein Datenmodell mit fünf Blockklassen (Ziel, Funktion, Lösung, Merkmal, Kontext), sechs Sprachen und serverseitiger Mandantentrennung. Dazu kommt eigene Infrastruktur mit Monitoring (SIEM), CI, statischer Codeanalyse und Prüfregeln vor jedem Commit. Entwickelt habe ich das Meiste bisher allein, mit KI als Werkzeug. (Ohne meine Kollegen im Safety und im RZ Betrieb hätte ich nicht die Hälfte)

Das ist meine Aussage als Anbieter. Zeigen kann ich es Ihnen in einer Demo.

Und ich habe trotzdem wenig Ahnung
#

Mein Fach ist Organisation, Prozesse, Compliance, Requirements Engineering und FMEA. Was ich mitbringe, ist Struktur- und Zusammenhangswissen als Detailwissen. (Ich habe Physik bis zur 8ten Klasse verstanden - Scherz) Von vielem, was in OTSM läuft, kenne ich die Details nicht so, wie ein Spezialist sie kennt.

Ein Kollege mit 35 Jahren IT-Erfahrung und als gefragter Know-How-Träger im Bereich IT Operations sagte mir, er komme sich neben dem, was heute durch KI möglich ist, vor wie ein Kleinkind.

Das ist kein Understatement, sondern die Lage. KI macht mich schneller. Zum Experten macht sie weder mich noch Sie.

Der Experten-Reflex hat ein neues Gesicht
#

Früher hieß es: „Der Experte hat gesagt.“ oder „Der Chef hat gesagt.“ Heute heißt es: „Die KI hat gesagt.“ Der Mechanismus ist derselbe. Es gibt eine Quelle, einen Namen und keine Prüfung.

Wer sich selbst „Experte“ nennt, hat damit noch nichts belegt. Die Bezeichnung ist keine Messgröße.

Ein Beispiel: eine Überschrift
#

Am 23.10.2026 stand in der Welt (Welt Plus) ein Interview mit dem Astrophysiker Harald Lesch unter der Überschrift: „Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke.“

Den Text hinter der Bezahlschranke kenne ich nicht. Ich prüfe deshalb nur die Überschrift, so wie sie dasteht. Ob Kernkraft sinnvoll ist, ist eine andere Debatte, die ich hier nicht führe.

Der Satz enthält zwei Dinge.

Erstens eine Tatsachenbehauptung: Es baut keiner mehr. Und sie lässt sich sofort falsifizieren. Die IAEA-Datenbank PRIS meldet mit Stand 17.07.2026 77 Reaktoren im Bau, in 17 Ländern, davon 37 in China und 8 in Indien. Das lässt sich in zwei Minuten prüfen, und es stimmt nicht. Wie weit sollte man nun dem Rest der Aussagen trauen?

Zweitens eine Konstruktion, die sich jeder Prüfung entzieht: „bei Verstand“. Wer baut, ist demnach nicht bei Verstand. Jeder Gegenbeweis wird so zum Beweis für die Unvernunft der anderen. Das ist keine Aussage über Reaktoren, sondern über Menschen, welche solche Aussagen treffen.

Prüfbar wird die Behauptung erst, wenn man sie übersetzt: Neubau lohnt sich nicht, weil Kosten je Kilowattstunde, Bauzeit, Kostenüberschreitung und Finanzierung nicht tragen. Dann gibt es Messgrößen. Ob die Aussage so stimmt, ist eine zweite Frage, die ich hier nicht entscheide.

Mir selbst ist beim Prüfen derselbe Fehler passiert. Ich hatte spontan 15 Länder aufgezählt, die bauen. Es blieben neun. Sechs Länder meiner Liste (Frankreich, Polen, Tschechien, Schweden, USA, VAE) haben laut PRIS keinen Reaktor im Bau. Bei dreien davon (Frankreich, Polen, Tschechien) ist es nach meiner Recherche bisher Planung. Meine Liste aus dem Kopf war falsch.

Und selbst eine richtige Liste würde nichts entscheiden. Dass viele bauen, belegt nicht, dass es klug ist. Das wäre derselbe Fehler wie bei der Überschrift, nur mit Mehrheit statt Autorität. Geprüft wird die Behauptung, nicht das Lager.

Aufmerksamkeitsökonomie: Warum das so gut funktioniert
#

Meine Beobachtung! Das ist keine Messung: Immer wieder werden dieselben Namen nach vorn gestellt, vermutlich, weil klare Sätze Aufmerksamkeit bringen. Dem Namen zu folgen ist bequem. Nachprüfen kostet Zeit. Und es macht unbequem, weil man damit der Herde nicht folgt.

Das Muster heißt „follow the opinionmaker“.

Ein zweites Beispiel: MBSE
#

Ich habe mir viele Referenzen, Normen und Methoden angesehen, auch die Aussagen darüber, welche Entwicklungsmethode die beste sei. Mein Suchstand: überwiegend Meinung, wenig Messung. Hersteller stellen ihre PR dabei gern als die Lösung dar. Eine Herstelleraussage über das eigene Produkt ist eine Behauptung mit Verkaufsinteresse, kein Beleg.

Ein Beispiel ist Model Based Systems Engineering (MBSE). Henderson und Salado haben 2021 in der Fachzeitschrift Systems Engineering die Literatur zu den behaupteten Nutzen von MBSE ausgewertet. Etwa zwei Drittel der behaupteten Nutzen stützen sich nur auf wahrgenommene Evidenz, nur zwei Arbeiten berichten gemessene Evidenz. Die Autoren schließen, die Evidenz sei weiterhin nicht eindeutig.

Das heißt nicht, dass MBSE nichts nützt. Es gibt auch den anderen Befund: Ein Review der Sandia National Laboratories von 2016 wertete 88 industrielle Fallstudien aus und sieht einen deutlichen Nutzen für die Projektleistung. Nur 21 dieser 88 Fallstudien enthalten allerdings Kennzahlen zu Kosten und Terminen. Also so irgedwie, oder so. Die übrigen 67 beruhen auf qualitativen Angaben.

Mein Fazit: Der Nutzen ist plausibel und teilweise berichtet, aber weniger gemessen, als in vielen Aussagen klingt. Zu diesem Thema habe ich schon geschrieben: „Methoden-Theater: Kosten, Gewinne und Verluste“, „Was hilft wirklich?“ und „A Fool with a Tool“.

Ich habe selbst Angebote in diesem Feld (OTSM und MBSEasy). Das ist ein Interesse. Lesen Sie meine Aussagen deshalb wie die der Hersteller: als Behauptung, bis Sie eine Prüfung gesehen haben.

Was hilft: Reset, Rearrange, Restart
#

Ursache: Entscheidungen stützen sich auf den Namen der Quelle statt auf einen Prüfschritt. Die Quelle kann ein Experte sein, ein Vorgesetzter oder eine KI.

Maßnahme in drei Schritten:

  1. Reset der Referenz. Stellen Sie die Frage: „Woran würden wir merken, dass es falsch ist?“ Jede Aussage, auf der eine Entscheidung steht, bekommt eine Messgröße, eine Quelle und die Angabe, welches Interesse die Quelle hat.
  2. Rearrange der Rollen. Wer etwas erzeugt, prüft es nicht selbst. Die KI darf erzeugen. Geprüft wird unabhängig: durch einen Test, eine Messung, eine zweite Quelle oder einen Menschen mit Entscheidungsbefugnis.
  3. Restart im Kleinen. Beginnen Sie mit der nächsten anstehenden Entscheidung, nicht mit einem Programm.

Adressat: Geschäftsführer und Bereichsleiter, denn nur sie können festlegen, dass eine Entscheidung ohne Prüfschritt nicht getroffen wird.

Prüfbar in 90 Tagen: Wenn die Ursache stimmt, sinkt bei vergleichbaren Entscheidungen mit Prüfschritt die Revisionsquote (Anteil zurückgenommener oder nachgearbeiteter Entscheidungen) gegenüber denen ohne. Erhoben wird sie aus dem eigenen Entscheidungsprotokoll, verglichen mit dem Vorquartal.

Abbruchkriterium: Zeigt sich nach 90 Tagen kein Unterschied, dann war der Namensglaube nicht die Ursache. Es bleibt der Mehraufwand, und Sie lassen die Maßnahme wieder fallen.

Preis des Nichthandelns: Fehler werden weiter erst bei der Nacharbeit erkannt.

In OTSM gehört zu jeder Anforderung eine Messgröße. Das ist Pflicht. Die Software erzwingt es noch nicht, und eine fehlende Messgröße wird noch nicht mit einem Indikator als offen angezeigt. Das ist meine Beschreibung als Anbieter, Stand Oktober 2026. Prüfen können Sie es in einer Demo.

Vom Wissen zur Fähigkeit
#

So kann ich OTSM entwickeln, obwohl ich viele Bausteine im Detail nicht kenne. Ich verlasse mich nicht auf meine Kenntnis jedes Details, sondern auf Prüfschritte: Compiler, Tests, statische Analyse, Prüfregeln.

Wissen heißt, etwas wiedergeben zu können. Fähigkeit heißt, ein Ergebnis wiederholbar zu erzeugen und nachzuweisen. Das Zweite zählt.

Und jetzt?
#

Ich sehe mich nicht als Experten. Ich sehe mich als jemanden, der es erledigt kriegt. Mein Kunde mag das anders sehen.

Ob ich ein Experte bin, entscheiden nicht Sie und nicht ich. Es entscheidet, ob meine Aussagen einen Prüfschritt bestehen. Ich weiß etwas, und ich kann etwas. Das Zweite ist wichtiger.

Wenn Ihnen jemand sagt „XY hat gesagt“, fragen Sie: Wie würden wir das prüfen? Fragen Sie auch bei mir nach. Denken Sie selbst, und prüfen Sie.


Quellen

  • IAEA PRIS, Reaktoren im Bau nach Ländern, Stand 17.07.2026 (Stufe A, amtliche Datenbank). Die Zahl ändert sich laufend, maßgeblich ist der Stand auf der Seite.
  • Welt Plus, Interview mit Harald Lesch (Christian Brüngger, Martin Steinegger), 23.10.2026.
  • Planungsstand Frankreich, Polen, Tschechien: eigene Recherche, unter anderem GTAI und Presseberichte, Stand Oktober 2026.
  • Henderson, K., Salado, A.: Value and benefits of model-based systems engineering (MBSE): Evidence from the literature. Systems Engineering 24(1), 2021 (Stufe B, begutachtete Übersichtsarbeit).
  • Sandia National Laboratories: Systematic Literature Review: How is Model-Based Systems Engineering Justified?, 2016 (Stufe B, Übersicht über 88 Fallstudien, davon 21 mit Kennzahlen).