Es kursieren gerade drei Geschichten über künstliche Intelligenz. Die erste: Sie löscht die Menschheit aus. Die zweite ist die erste mit Bildern — Terminator, rote Augen, Blechschädel. Die dritte: Widerstand gegen Rechenzentren, Bürgerinitiative, Bauzaun, Unterschriftenliste.
Die Frage: Wie halten wir das auf?
Das ist die falsche Frage. Nicht weil Aufhalten immer unmöglich wäre — das ist es nicht, dazu gleich —, sondern weil die Bedingungen, unter denen Aufhalten funktioniert, hier nicht vorliegen. Und weil das Stellen der falschen Frage Zeit kostet, die niemand hat.
Historie: Was tatsächlich zurückgedrängt wurde#
Es gibt Technologien, die zurückgedrängt wurden, und zwar wirksam.
- FCKW. 1987 im Montrealer Protokoll geregelt, weltweit ausgestiegen, die Ozonschicht erholt sich messbar.
- Überschallverkehr über Land: In den USA seit 1973 untersagt, was der Concorde die einzigen Strecken nahm, auf denen sie sich gerechnet hätte — das Flugzeug ist nicht an Technik gescheitert, sondern an einer Regel.
- Keimbahneingriffe beim Menschen: nach 2018 international geächtet, der verantwortliche Forscher saß in Haft.
Zurückdrängen funktioniert also grundsätzlich. Aber sehen Sie sich an, was diese Fälle gemeinsam haben:
- Enger Anwendungsbereich. Kein Universalwerkzeug, sondern eine abgegrenzte Sache mit klarer Definition.
- Wenige Produzenten. Eine Handvoll Chemiewerke, eine Handvoll Flugzeugbauer, eine Handvoll Labore. Man kann sie zählen und kontrollieren.
- Ein verfügbarer Ersatz. Für FCKW gab es Alternativen. Für Überschall gab es Unterschall.
- Kein Vorteil für den, der ausschert. Ein Land, das FCKW weiterproduziert, gewinnt damit nichts, was den Ärger wert wäre.
Und jetzt halten Sie KI daneben.
- Universalwerkzeug statt enger Anwendungsfall.
- Kein Ersatz, sondern der Ersatz für anderes.
- Und vor allem: Wer aussteigt, verliert.
- Das Unternehmen, das verzichtet, während der Wettbewerber nicht verzichtet, verliert Marge.
- Das Land, das verzichtet, während das Nachbarland nicht verzichtet, verliert Industrie.
Europa wieder mit der Regulierung im Voraus erschwert systematisch den rechtskonformen Einsatz und schafft damit Wettbewerbsvorteile für Andere, welche es nicht wegregeln.
EUV Belichtung#
Bleibt ein einziger Punkt, der auf den ersten Blick erfüllt aussieht: Es gibt sehr wenige Produzenten der entscheidenden Hardware.
- EUV-Belichtung praktisch nur von ASML
- Spitzenfertigung praktisch nur bei TSMC.
Genau deshalb galten Exportkontrollen für Hochleistungschips als das eine Instrument, das beißt. Wie so immer in der Idee - das können die Chinesen nicht.
Sehen Sie sich an, was daraus geworden ist.
- China kommt nicht an EUV, also fertigt SMIC 7 nm mit älteren DUV-Anlagen und Mehrfachbelichtung, mit schlechterer Ausbeute.
- Der einzelne Huawei-Beschleuniger bleibt hinter dem amerikanischen zurück.
- Und dann baut Huawei mit CloudMatrix 384 nicht einen besseren Chip, sondern eine andere Maschine:
- 384 Beschleuniger,
- optisch all-to-all verschaltet, als ein logisches System.
In der Summenrechnung liegt das Rack ungefähr beim Doppelten des Nvidia-Vergleichssystems — bei rund dem Vierfachen an Leistungsaufnahme.
Das ist der interessanteste Satz des ganzen Vorgangs: Der Engpass hat nicht gestoppt, er hat den Weg verlegt. Aus einem Verbot wurde ein Umrechnungskurs — bezahlt wird in Strom, in Ausbeute, in Fläche. Wo Energie politisch zugeteilt und subventioniert wird, ist dieser Kurs bezahlbar. Ob der Abstand sich langfristig öffnet oder schließt, ist ernsthaft umstritten: Der Council on Foreign Relations liest die eigene Huawei-Roadmap so, dass die nächsten Generationen sogar zurückfallen; SemiAnalysis liest Kapazität und Systemarchitektur deutlich zuversichtlicher. Beide können sich irren. Was keiner von beiden behauptet, ist ein Ausschalter.
Selbst wenn es ihn gäbe: Das ist Geopolitik zwischen Staaten. Es ist kein Hebel, den eine Bürgerinitiative in der Hand hält, und es ist keiner, den Sie in der Hand halten.
Der Klassiker: der Mann mit der roten Fahne#
Großbritannien, 1865. Der Locomotive Act schreibt vor: Vor jedem selbstfahrenden Straßenfahrzeug hat ein Mann mit einer roten Fahne herzugehen. Tempolimit vier Meilen pro Stunde über Land, zwei in der Stadt. Die Regel galt bis 1896.
In derselben Zeit baute Benz in Mannheim das Automobil und Frankreich die erste Autoindustrie Europas.
(Wie stark das britische Recht die dortige Industrie wirklich zurückwarf, ist unter Historikern umstritten — Kapitalmarkt und Eisenbahnlobby spielten mit hinein. Das Muster bleibt trotzdem lesbar.)
Das Gesetz hat das Auto nicht aufgehalten. Es hat das britische Auto aufgehalten. Das ist der Regelfall bei einer Technologie, die dem, der sie einsetzt, einen Vorteil verschafft: Der Verzicht wirkt nicht auf die Technologie, er wirkt auf den, der verzichtet. Und auch hier ist die EU wahrscheinlich wieder auf dem Weg der roten Fahne.
Kernkraft als Beispiel#
Deutschland ist aus der Kernkraft ausgestiegen. Die Kernkraft ist nicht ausgestiegen. Sie wird weiter gebaut, in kleineren Bauformen weiterentwickelt, und die Reaktortechnik, die seit Jahrzehnten in Schiffen und U-Booten läuft, ist keine Zukunftsvision, sondern Bestand. Zurückgedrängt wurde nichts außer der eigenen Beteiligung. Das ist kein Beleg dafür, dass Ausstieg wirkt — es ist der Mann mit der roten Fahne, nur in Neu.
Der Geist ist aus der Flasche. Die Frage ist nicht mehr, ob er zurückgeht. Die Frage ist, wer mit ihn nutzt.
Was am Widerstand berechtigt ist — und was nicht#
Jetzt der Teil, den die Dramatisierer und die Beschwichtiger gleichermaßen falsch machen.
Ein Rechenzentrum ist ein Industriebau. Es braucht Strom in einer Größenordnung, die ein Verteilnetz spürt. Es braucht Kühlung, Fläche, Netzanschluss, und es produziert Abwärme, die man entweder nutzt oder wegwirft. Weltweit lag der Anteil der Rechenzentren am Stromverbrauch zuletzt bei rund anderthalb Prozent, mit einer Prognose auf etwa das Doppelte bis 2030.
Das sind reale Größen, und daraus folgen reale Verhandlungsgegenstände:
- Wer zahlt den Netzausbau, und wie wirkt sich das auf die Netzentgelte für alle anderen aus?
- Wird die Abwärme eingespeist — verbindlich, mit Datum, oder nur als Absichtserklärung im Prospekt?
- Wie viele Arbeitsplätze entstehen tatsächlich vor Ort, nach Inbetriebnahme, nicht während des Baus?
- Wie viel Wasser, aus welcher Entnahme, mit welcher Rückgabetemperatur?
Über jeden dieser Punkte kann eine Kommune verhandeln, und sie hat dabei echte Verhandlungsmacht, weil der Investor die Fläche und den Anschluss braucht und beides sonst nicht bekommt.
Und genau deshalb ist die Dramatisierung schädlich. Wer über Auslöschung spricht, verhandelt nicht über den Netzanschluss. Die Terminator-Erzählung ist der beste Freund des Investors: Sie verdrängt die vier Fragen, bei denen die Gegenseite tatsächlich etwas erreichen könnte, durch eine Frage, die vor Ort niemand entscheiden kann. Am Ende steht der Bau trotzdem, nur ohne Abwärmenutzung und ohne Zusage.
Wer ernsthaft etwas gegen die Bedingungen tun will, unter denen hier gebaut wird, hört auf, über den Weltuntergang zu reden, und fängt an, über Netzentgelte zu reden. Das ist unspektakulär. Es ist auch das Einzige, was wirkt.
Was Sie schützt, ist nicht das, was Ihnen verkauft wird#
Kommen wir zu Ihnen persönlich, und hier wird es unbequem.
Was Sie nicht schützt: die Bedienung des aktuellen Werkzeugs. Wer 2023 gelernt hat, wie man Prompts formuliert, hat eine Fähigkeit erworben, deren Halbwertszeit kürzer war als die eines Zertifikatslehrgangs. Werkzeugkenntnis ist die am schnellsten entwertete Ware in diesem Markt, und sie wird Ihnen am lautesten verkauft.
Was Sie schützt, sind drei Dinge:
- Erstens: Zusammenhangswissen. Nicht Faktenwissen — das ist erledigt, endgültig, und es war nie besonders wertvoll. Gemeint ist die Fähigkeit zu sehen, was mit was zusammenhängt: dass diese Entscheidung im Vertrieb in achtzehn Monaten in der Fertigung als Nacharbeit ankommt. Eine Maschine, die auf plausible Fortsetzung optimiert ist, liefert Ihnen eine plausible Antwort — auch dann, wenn die Frage falsch gestellt war. Wer die Frage stellen kann, bleibt gebraucht.
- Zweitens: Dinge erschaffen, die andere brauchen. Nicht Dinge, die Sie interessant finden. Nicht Dinge, die in Ihrer Zielvereinbarung stehen. Dinge, deren Ausfall jemand anderem weh tut. Alles andere ist Beschäftigung, und Beschäftigung ist genau das, was zuerst wegfällt.
- Drittens: Strukturen bauen, statt in ihnen zu sitzen. Wer eine Struktur gebaut hat, auf die sich andere stützen, ist Teil des Fundaments. Wer eine Position innehat, die eine Struktur ihm zugewiesen hat, ist eine Zeile in einer Tabelle.
- Viertens: Constant Change Wer heute etwas macht, kann Morgen feststellen, dass es sich überholt hat. Heute ist der langsamste Tag Ihres Lebens.
Der gemeinsame Nenner: Automatisiert wird die Ausführung, nicht das Tragen der Konsequenz. Wer entscheidet und dafür geradesteht, ist nicht ersetzbar, solange niemand gefunden ist, den man stattdessen haftbar machen kann. Wer ausführt, was ein anderer entschieden hat, ist ersetzbar, sobald es billiger geht. Das war vor der KI schon so. Die KI verkürzt nur die Frist, und das mit atemberaubender Geschwindigkeit.
“Aber ich arbeite mit den Händen”#
Dann haben Sie mehr Zeit als der Sachbearbeiter. Zeit!
Nicht der Handwerker geht zuerst, sondern das Büro. Was formalisiert und aufgeschrieben ist, ist leicht zu automatisieren. Was Hände, Gleichgewicht und Improvisation im unaufgeräumten Raum erfordert, ist schwer. Ein Modell schreibt Ihnen einen Vertragsentwurf in dreißig Sekunden und scheitert (ggf heute noch) an einer Treppe.
Aber “schwer” heißt nicht “unmöglich”, und die Kurve zeigt in eine Richtung. Der Vorsprung der physischen Arbeit ist eine Frist, kein Freibrief. Wer sie nutzt, um sich vom reinen Ausführen wegzubewegen — eigene Kundenbeziehung, eigene Struktur, eigene Entscheidung —, kommt durch. Wer sie nutzt, um zu hoffen, dass es schon nicht so schlimm wird, verbraucht sie.
Woran ich merken würde, dass ich falsch liege#
Ich behaupte hier keine Prophezeiung, sondern erstelle eine Wette, und eine Wette muss man verlieren können. Ich läge falsch, wenn:
- der Leistungszuwachs pro eingesetzter Energie über zwei bis drei Jahre flach liefe und die Kosten pro nützlicher Aufgabe nicht mehr fielen,
- der Einsatz in Unternehmen an Haftung scheiterte statt an Technik, und zwar dauerhaft und rechtlich abgesichert,
- oder ein durchsetzbarer Engpass entstünde, an dem ein Staat den Zugang tatsächlich kontrollieren kann — dann wäre die Sache verhandelbar, aber zwischen Regierungen, nicht am Bauzaun.
Keine dieser Bedingungen ist heute erfüllt. Sollte sich das ändern, schreibe ich es hin.
Also#
Hören Sie auf zu dramatisieren. Die Auslöschungsgeschichte ist nicht deshalb schlecht, weil sie sicher falsch wäre — sie ist schlecht, weil aus ihr nichts folgt, was Sie morgen früh tun könnten.
Was folgt:
- Skalieren Sie Ihre eigenen Fähigkeiten hoch.
- Zusammenhänge erkennen.
- Etwas erschaffen, das für andere zählt.
- Strukturen bauen, statt Positionen zu besetzen.
Und wenn Sie sich am Rechenzentrum reiben wollen, dann an Netzentgelten, Abwärme und Wasserentnahme — dort steht Ihnen jemand gegenüber, der antworten muss.
Und dann sage ich es so deutlich, wie es gemeint ist: Wenn Sie Ihren Hintern nicht hochbekommen, sind Sie weg. Nicht moralisch erledigt, nicht bedauernswert — schlicht nicht mehr gebraucht. Das ist keine Drohung, das ist eine Rechnung, und sie läuft bereits.
Der Geist ist aus der Flasche. Die einzige offene Frage ist, ob Sie zu denen gehören, die mit ihm arbeiten, oder zu denen, an denen er vorbeizieht. Der Mann mit der roten Fahne hat das Auto nicht aufgehalten. Er ist nur nicht mitgekommen.
