Es gibt einen Denkfehler, der sich durch die gesamte öffentliche Auseinandersetzung zieht und der so verlässlich funktioniert, dass man ihn fast schon als Naturgesetz behandeln müsste: Wer gegen etwas schießt, verstärkt es. Nicht manchmal. Fast immer.
Any Press is good Press#
Das hat nichts mit der Qualität des Arguments zu tun. Man kann recht haben und trotzdem verlieren, weil die Form des Widerstands den Gegner nährt. Wer angreift, macht den Angegriffenen zum Mittelpunkt. Er liefert ihm Reichweite, Empörungsenergie und die bequemste aller Rollen, nämlich die des Verfolgten. Jede Attacke ist eine kostenlose Bühne. In einer Aufmerksamkeitsökonomie ist Widerspruch keine Schwächung, sondern Werbung.
Der zweite Grund liegt tiefer. „Dagegen" hat keinen Inhalt. Es beschreibt keinen Zustand, den man erreichen will, sondern nur einen, den man ablehnt. Man kann nicht auf ein Nein zusteuern. Eine Position, die sich vollständig über ihren Gegner definiert, hat kein eigenes Ziel, sondern nur einen Feind. Fällt der Feind weg, fällt die Position in sich zusammen, weil nie etwas Eigenes dahinterstand. (Die Inhaltsleere der Politik ist hier am klarsten zu sehen)
„Dagegen" ist eine Messung ohne Sollwert. Ein System, das nur meldet, was es nicht will, aber nie definiert, was es erreichen soll, ist nicht steuerbar. Es kennt Fehler, aber kein Ziel. Ein Regelkreis ohne Führungsgröße schwingt sich nicht ein, er eskaliert. Genau das beobachten wir. Jede Seite misst die andere an ihren Fehlern, keine misst sich an einem eigenen Zielzustand, und das Ergebnis ist ein System, das immer lauter, aber nie besser wird.
Dazu kommt die Reaktanz. Menschen, die sich angegriffen fühlen, rücken zusammen. Der Angriff, der überzeugen sollte, treibt die Unentschlossenen ins gegnerische Lager, weil Solidarität mit dem Angegriffenen billiger ist als eine eigene Meinung. Wer laut genug dagegen ist, produziert das Dafür der anderen. Zuverlässig.
Und jetzt schaue man sich an, was heute überhaupt noch positiv gesetzt wird. Kaum etwas. Fast alles, was öffentlich verhandelt wird, ist Abwehr. Wir sind gegen die anderen, gegen die Maßnahme, gegen die Partei, gegen den Kurs. Wofür wir eigentlich sind, bleibt merkwürdig leer. Es gibt keinen Sollzustand mehr, nur noch eine wachsende Liste an Nein. Das ist kein Zufall und keine bloße Stilfrage. Es ist ein Symptom. Eine Gesellschaft, die nur noch weiß, wogegen sie ist, hat aufgehört, sich ein Ziel zu geben.
Populismus - von allen Seiten#
Das Bequeme am Dagegen ist, dass es billig ist. Ein Ziel muss man definieren, begründen, an der Wirklichkeit messen und aushalten, wenn man es verfehlt. Ein Nein kostet nichts. Man muss nichts liefern, man muss nur den anderen scheitern sehen wollen. Deshalb ist die öffentliche Debatte voller Widerstand und leer an Vorschlägen, die man an einem Ergebnis prüfen könnte.
Hat sich stets bemüht#
Und hier wird es politisch. Während sich alle am jeweiligen Gegner abarbeiten, bleibt die eigentliche Aufgabe liegen. Die Politik ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Auftrag, und der Auftraggeber ist die Bevölkerung. Der Auftrag lautet nicht, den politischen Gegner zu besiegen, sondern für die Menschen zu liefern, die das Ganze bezahlen. Genau das findet nicht statt. Stattdessen wird das Geld weiter woanders hin geschoben, an Empfänger, deren Nutzen für den Auftraggeber niemand mehr sauber ausweist.
Das Dagegen-Theater ist dabei nicht nur Symptom, es ist auch Deckung. Solange sich das Publikum daran erschöpft, gegen die jeweils andere Seite zu sein, fragt niemand nach dem Sollzustand. Niemand fragt, was mit dem Geld eigentlich erreicht werden sollte, wer es bekommt und ob am Ende beim Auftraggeber etwas ankommt. Der Streit ums Dagegen ist die zuverlässigste Methode, die Frage nach dem Dafür verschwinden zu lassen. Man muss die Ablenkung nicht einmal inszenieren. Sie stellt sich von selbst ein, weil Empörung billiger ist als Rechenschaft.
Das Versagen#
Am Ende steht eine einfache Rechnung, die seit Langem niemand mehr laut ausspricht: Einnahmen müssen Ausgaben decken, und Ausgaben müssen einem Zweck dienen, der beim Auftraggeber ankommt. Das ist keine Ideologie, das ist Buchhaltung. Wer das nicht liefert, hat seinen Auftrag verfehlt, egal gegen wen er in der Zwischenzeit besonders laut war.
Die Konsequenz ist unbequem, aber sie ist die einzige, die trägt. Man kommt aus diesem Muster nicht heraus, indem man noch entschlossener dagegen ist. Man kommt heraus, indem man wieder anfängt, für etwas zu sein, das man benennen, messen und einlösen muss. Ein Ziel statt eines Feindes. Ein Sollwert statt einer Empörung. Wer nur dagegen schießt, lädt dem anderen das Gewehr. Wer gewinnen will, muss zuerst sagen, wofür.
