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Automatisierung: Es wird heftig schütteln

·4 min
Thomas Arends
Autor
Thomas Arends
Management Consulting, Interim-, Projekt-, Qualitätsmanagement

Bosch nennt schwache Nachfrage und Kosten als Grund für eine 40 Stunden-Woche. Mercedes hat zusätzlich einen anderen Hebel gezogen: Der Konzern hat sich 2025 vertraglich verpflichtet, bis 2034 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Der klassische Stellenabbau ist damit blockiert. Mehr Stunden ohne Lohnausgleich wirkt wie ein Umweg dorthin: Bei einer Erhöhung von 35 auf 40 Stunden bei gleichem Monatsentgelt sinkt die Vergütung je Arbeitsstunde rechnerisch um 12,5 Prozent, Das ist ein Kostenschnitt in der Wirkung, ohne dass eine Stelle formal abgebaut wird. Wenn die Kapazität nicht ausgelastet ist, schafft mehr Arbeitszeit keinen zusätzlichen Bedarf. Das ist Stellenabbau, nur nicht so genannt.

Das ist die ein Teil der aktullen Lage, bevor die eigentliche Welle der Automatisierung überhaupt ankommt.

In China hat allein der Hersteller Unitree im letzten Jahr über 5.500 menschengroße Roboter ausgeliefert — real verkauft, im Einsatz in über 30 Ländern, nicht als Prototyp. Ein zweiter, AgiBot, kam auf über 10.000. Die Meldung die gerade die Runde macht: Hyundai will mit seinem Roboter Atlas bis 2028 auf 30.000 Stück im Jahr kommen und ab 2030 komplette Montagearbeiten übernehmen. Und das nachdem chinesische Gersteller da bereits weiter sind. Automatisierung und Robotik sind keine ferne Zukunftsvision. Das ist eine Serienproduktion, die gerade hochfährt — während die Industrie, welche diese Roboter zuerst treffen wird, schon jetzt unter Druck steht.

Was das bedeutet, wird oft falsch verstanden: Nicht “die Arbeit verschwindet”, sondern die eine Lösung, mit der wir seit hundert Jahren gleich mehrere Probleme auf einmal gelöst haben, bekommt Risse. Erwerbsarbeit war nie nur Geld verdienen. Sie war gleichzeitig Einkommen, die Finanzierung von Rente und Krankenversicherung und etwas Sinnvolles zur Gesellschaft beitragen zu können. Eine Lösung, mehrere Aufgaben. Fällt die Lösung weg, verschwinden die Aufgaben nicht. Sie verlieren nur ihren bisherigen Träger.

Karriere-Coaches beschreiben derzeit unabhängig voneinander dasselbe Muster bei Menschen Ende vierzig, Anfang fünfzig, die zwanzig, dreißig Jahre erfolgreich gearbeitet haben: Nach Monaten erfolgloser Bewerbungen wird aus der Jobsuche ein Kampf gegen sich selbst. Und auch bei den Jungen. Bin ich zu jung, zu alt? Zu teuer? Nicht (mehr) gut genug? Multipliziert über sehr viele Menschen gleichzeitig wird aus einzelnen Zusammenbrüchen ein sozialer Brennpunkt — nicht irgendwann, sondern schon bei den ersten Wellen.

(Wer selbst gerade in einer solchen Lage steckt: Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar, 0800 111 0 111.)

Warum reagiert die Politik darauf nicht schneller? Ein Öltanker braucht mehrere Kilometer, um seinen Kurs zu ändern und selbst wenn das Ruder sofort eingeschlagen wird. Nicht weil der Kapitän zögert, sondern weil zwischen Ruderbewegung und Kursänderung Zeit vergeht. Gesetzgebung hat dieselbe Verzögerung: zwischen einem erkannten Problem und einem wirksamen Gesetz vergehen in Deutschland typischerweise Jahre. Das war lange Zeit kein Problem, weil sich die Welt meist langsamer verändert hat als diese Verzögerung. Neu ist: Die Geschwindigkeit, mit der Roboter-Kapazität gerade hochgefahren wird und KI Wissen “at your fingertips” liefert, ist zum ersten Mal schneller als diese Verzögerung selbst.

Es kommt etwas hinzu, das die Verzögerung zusätzlich verlängert: Politik reagiert typischerweise sehr spät auf Signale. Beispielsweis jetzt im Fokus, die geplanten und tatsächlichen Entlassungen, die Arbeitslosenquote, sind Zahlen, die erst steigen, wenn die Jobs schon weg sind. Politik könnte längst auf vorlaufende Zahlen reagieren: Roboterstückzahlen je Branche, Auftragseingang und Kapazitätsauslastung bei den Zulieferern. Beide Zahlen gibt es. Sie werden nur nicht als Frühwarnsystem genutzt.

Der naheliegende Reflex: mehr Sozialleistungen, mehr Förderprogramme hilft hier nicht dauerhaft. Er lindert kurzfristig, ändert aber nichts an der Verzögerung selbst, und die wächst mit, sobald die Entwicklung weiter beschleunigt. Was tatsächlich wirkt, ist die Verzögerung zu verkürzen. Automatische Stabilisatoren gibt es bereits: Das Arbeitslosengeld steigt automatisch mit der Arbeitslosenquote, ohne dass der Bundestag jedes Mal neu abstimmt. Genau dieses Prinzip lässt sich auf einen vorlaufenden Indikator übertragen — ein gesetzlich vorab festgelegter Schwellenwert bei Roboterstückzahlen oder Kapazitätsauslastung, der eine ebenfalls vorab festgelegte Maßnahme automatisch auslöst. Die politische Entscheidung wird einmal getroffen, nicht bei jeder neuen Entwicklung erneut.

Zuständig dafür ist das Bundesarbeitsministerium — die Stelle, die die bestehenden Stabilisatoren schon verwaltet. Bis 2028, wenn die ersten großen Kapazitäten laut Hyundais eigenem Plan online gehen, müsste ein solcher Mechanismus stehen. An sich schon heute, China ist da Vorreiter. Un das sind, Stand heute, keine zwei Jahre. Kommt der Mechanismus nicht rechtzeitig, bleibt die Verzögerung bestehen. Eine Lücke, die niemand füllt, füllt sich von selbst. Durch die Akteure, deren eigene Reaktionszeit ohnehin kurz ist: die Unternehmen, die die Roboter bauen und einsetzen.

Im Kleinen ist das genau mein Ansatz in OTSM für Unternehmen: nicht warten, bis ein Problem als Kennzahl auffällt, sondern vorlaufende Signale systematisch erfassen, damit die Zeit zwischen Erkennen und Wirken kurz bleibt. Das Prinzip ist dasselbe. Nur die Ebene ist kleiner.

Unbequem für mich selbst: OTSM ist aus Projektgeschäft für genau die Industrie entstanden, welche diese Welle zuerst trifft. Ob das am Ende mehr Bedarf bedeutet, weil jede neue Automatisierung selbst wieder Nachweispflicht erzeugt, oder weniger, weil die Kundenbasis schrumpft — weiß ich heute nicht.

Image by Karin Henseler from Pixabay