Acht Kurzschlüsse, ein Rückruf, kein Zufall
Mercedes tauscht 50.000 Hochvolt-Akkus komplett aus. Der Tausch ist nicht die Lösung eines Rätsels, sondern das Geständnis.
Eine Sezierung des internen Kurzschlusses in der Lithium-Zelle.
Mercedes tauscht 50.000 Hochvolt-Akkus komplett aus. Der Tausch ist nicht die Lösung eines Rätsels. Er ist das Geständnis.
Ich habe genug FMEAs gemacht, um zu wissen, dass ein solche Ausfälle wie interner Kurzschluss einer Zelle kein Schicksal ist. Er ist kein „kann halt passieren“.
Er ist entweder ein Designfehler oder ein Prozessfehler — oder beides gleichzeitig:
- ein Merkmal, das im Design nicht hart genug spezifiziert war
- ein Lieferant der nicht korrekt geliefert hat / liefern konnte
- eine Firme welche es im Prozess „so schlimm ist es nicht“ noch hat schleifen lassen.
- Eine Qualität welche schlampig in der Kontrolle war.
Genau das sehen wir gerade bei den Mercedes EQA 250+ und EQB 250+. Und das eigentlich Bemerkenswerte ist nicht der Brand. Es ist die Form, in der Mercedes reagiert hat — denn die Reaktion selbst verrät, was schiefgelaufen ist.
Vorbemerkung. Ich weiß, dass ich mir mit diesem Text keine Freunde mache. Aber wer wirklich etwas verändern will, darf nicht mit dem Strom schwimmen. Und wer sich fragt, warum die deutsche Automobil- und Zulieferindustrie in der Krise steckt, der sieht hier — an einem einzigen Rückruf, sauber seziert — die Auswirkungen in Reinform.
Es geht mir nicht um Häme. Es geht um einen Befund, der über Mercedes weit hinausreicht: In zu vielen Konzernen ist aus „Verantwortung tragen“ ein reines „Rendite machen“ geworden. VW baut konzernweit rund 50.000 Stellen in Deutschland ab; Berichten des Handelsblatts zufolge stehen weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze auf der Kippe — während der Vorstand auf der Hauptversammlung trotz eines fast halbierten Gewinns entlastet wurde und Großinvestoren wie Deka, Union Investment und DWS offen ihr Missfallen äußerten.
Das sind keine Naturkatastrophen. Das sind Führungsentscheidungen.
Mein Punkt ist einfach: Verantwortung muss nicht nur verwaltet, sondern gelebt werden. Eine Unterschrift unter eine Freigabe, ein Sanierungsplan, ein Stellenabbau — das sind Momente, in denen sich zeigt, ob jemand für etwas einsteht oder nur das Quartal verwaltet. Führungen, die diesen Unterschied nicht begreifen, haben ihr Mandat verwirkt — egal, was im Vergütungsbericht steht. Der Rest dieses Textes zeigt an einem konkreten technischen Fall, wie der Unterschied aussieht.
1 — Die Fakten, bevor jemand relativiert
Betroffen sind die Varianten EQA 250+ und EQB 250+ mit dem 70,5-kWh-Paket. Die Zellen kommen vom chinesischen Zulieferer Farasis Energy. Risiko: ein interner Kurzschluss einzelner Zellen, der im Extremfall zum Fahrzeugbrand führt. Das kleinere 66,5-kWh-Standardpaket ist nicht betroffen.
Der zeitliche Ablauf ist der eigentliche Lehrtext. Zuerst kam ein Update des Batteriemanagementsystems: reduzierte Ladeleistung, reduzierter nutzbarer Energieinhalt. Aus 34 Minuten auf 80 % wurden je nach Laufleistung 44 bis 49. Aus der versprochenen Reichweite wurde spürbar weniger. Das war über zwölf Monate die „Lösung“ — bis Mercedes einlenkte und nun den kompletten Hochvolt-Akku tauscht, weltweit rund 50.000 Fahrzeuge, KBA-Referenz 16136R, Hersteller-Rückrufcode 4794004. Ein vollständiger Batteriewechsel über eine ganze Baureihe ist in der Branche die absolute Ausnahme.
Halten wir das fest: erst ein Software-Pflaster über zwölf Monate, dann der teuerste mögliche Hardware-Eingriff. Diese Reihenfolge ist diagnostisch.
2 — Die Signatur ist das Geständnis
Wenn ein Fehler echt zufällig ist — ein einzelner Material- oder Prozessfehler, eine einzelne kontaminierte Zellen — dann pickt man die betroffenen Exemplare heraus und tauscht sie. Punkt. Man tauscht nicht alle.
Mercedes tauscht alle. Das heißt im Klartext: Es gibt/gab kein zuverlässiges Screening, das die kranken Zellen von den gesunden trennt. Man hat systematisch im Design oder im Prozess versagt. Und das ist kein Detail, das ist der Fingerabdruck. Wenn man die betroffenen Bauteile nicht in den einzelnen Prozesschritten anhand der kritischen Merkmale erst gar nicht weiter verbaut dann am Bandende nicht aussortiet und im Feld nicht sicher detektieren kann, dann ist der Defekt latent — er existiert zum Prüfzeitpunkt elektrisch noch gar nicht und reift erst über die Zyklen heran. Latente Defekte mit dieser Charakteristik kommen aus genau zwei Ecken: aus einer Spezifikation, die eine sicherheitsrelevante Eigenschaft nicht hart festgenagelt hat, oder aus einem Fertigungsprozess, der eine festgenagelte Eigenschaft nicht eingehalten hat.
Der Flotten-Kompletttausch ist kein Akt der Großzügigkeit. Er ist die teuerste Art zuzugeben, dass man den Versagensmechanismus nie unter Kontrolle hatte.
Wichtig, und das sage ich als der, der so etwas seziert hat: Mercedes und Farasis haben den exakten Mechanismus öffentlich nie über „interner Kurzschluss“ hinaus benannt. Alles, was jetzt folgt, ist also keine Insider-Behauptung, sondern die Rekonstruktion aus der Physik der Zelle und aus dem Verhalten der beteiligten Firmen. Aber die Physik lässt nur einen begrenzten Lösungsraum zu — und der hat einen Boden.
3 — Anatomie einer Zelle
Um zu verstehen, wie ein interner Kurzschluss entsteht, muss man den Schichtaufbau im Kopf haben. Eine Wickel- oder Stapelzelle ist eine streng abwechselnde Folge: Ableiterfolie, Aktivbeschichtung, Separator, Aktivbeschichtung, Ableiterfolie. Der Separator ist das einzige, was Anode und Kathode physisch trennt. Versagt er an einer Stelle, fließt Strom dort, wo keiner fließen darf.

Abb. 1 — Halbzellen-Querschnitt. Der Separator ist die einzige Barriere. Zwei Wege, ihn zu durchbrechen, sind als diskrete Objekte eingezeichnet: ein leitfähiges Fremdpartikel und ein Bearbeitungsspan an der Folienkante. Beide sind nicht maßstäblich — ein Span von wenigen µm reicht.
Zwei Dinge muss man festhalten, weil sie später wichtig werden.
- Erstens: Die Anode muss die Kathode überstehen, und der Separator muss beide überstehen. Wie groß dieser Überhang sein muss, ist kein fester Millimeterwert, sondern folgt aus Zellformat und Stapel-/Wickeltoleranz — bei einer großen Pouchzelle sind das Millimeter, bei einer Knopfzelle Bruchteile davon. Entscheidend ist nicht die absolute Zahl, sondern dass der Überhang die Registriertoleranz sicher abdeckt. Tut er das nicht, treffen sich Kanten, die sich nie treffen dürften.
- Zweitens: Eine geschnittene Folienkante ist eine Waffe. Ein Span von wenigen Mikrometern reicht, um den Separator unter dem Quelldruck der zyklierenden Zelle aufzureißen.
4 — Acht Wege, einen internen Kurzschluss zu bauen
Der interne Kurzschluss ist nicht ein Phänomen. Er ist eine ganze Familie, sauber klassifizierbar danach, welche zwei Oberflächen sich berühren und wo im Wickel das passiert. Die wissenschaftliche Basis ist die Vier-Typen-Systematik nach Santhanagopalan, Ramadass und Zhang (2009): Al–Cu, Cu–Kathode, Al–Anode, Kathode–Anode. Bricht man diese vier nach Geometrie auf — durch die Lagen, am Rand, an den Wickelenden —, kommt man auf die acht Fälle, die wir in der Praxis getrennt führen.
Und sie sind nicht gleich gefährlich. Der Al–Anode-Kontakt erreicht laut Modell und Experiment die mit Abstand höchste lokale Temperatur — die Geometrie, die am harmlosesten aussieht (eine Kathoden-Folienkante an einer Anodenbeschichtung), ist thermisch die schlimmste. Hier jeder Fall einzeln.
Legende:
① Beschicht. Anode → Folie Kathode · durch die Lagen

Al–Anode · thermisch kritisch (höchste lokale Temperatur)
② Beschicht. Anode → Folie Kathode · oberer/unterer Rand, Anfang/Ende

Al–Anode · thermisch kritisch
③ Folie Anode → Folie Kathode · durch die Lagen

Cu–Al · niedrigster Widerstand, höchster Kurzschlussstrom
④ Folie Anode → Folie Kathode · an den Wickelenden

Cu–Al · höchster Kurzschlussstrom
⑤ Folie Anode → Beschicht. Kathode · durch die Lagen

Cu–Kathode · moderat
⑥ Folie Anode → Beschicht. Kathode · am unteren Rand

Cu–Kathode · moderat
⑦ Beschicht. Anode → Beschicht. Kathode · durch die Lagen, Anfang/Ende

Kathode–Anode · mild / schleichend
⑧ Beschicht. Anode → Beschicht. Kathode · „sanfter“ Kurzschluss, oben/unten

Kathode–Anode · mild, heizt anfangs kaum — und entgeht jeder Einzelmessung
Das Tückische am sanften Kurzschluss (⑦/⑧): Er heizt anfangs kaum, fällt in keiner Einzelmessung auf — und arbeitet sich über die Zyklen zum scharfen Fall hoch. Genau diese Klasse killt jeden naiven Bandende-Test.
5 — Elf Fehlerfälle, und jeder einzelne ist beherrschbar
Die acht Typen beschreiben das Ergebnis. Interessanter für die FMEA ist die Ursache.
| Nr. | Fehlerfall | Mechanismus | Typ |
|---|---|---|---|
| F1 | Leitfähiger Partikel | Leitfähiges Fremdpartikel (Cu/Fe-Span) überbrückt den Separator | ⑦⑧ ① |
| F2 | Separatorschrumpf | Thermischer Schrumpf gibt Elektrodenkante frei | ①–④ |
| F3 | Spanbildung | Grat/Span an der Schnittkante durchstößt den Separator | ① ③ |
| F4 | Teleskopieren | Lagenversatz beim Wickeln; Kante wandert in Nachbarlage | ② ④ |
| F5 | Camber-Effekt | Bahnverzug/Welligkeit → lokaler Kontaktdruck, ungleicher Überstand | ② ⑥ |
| F6 | Separator löchrig | Pinholes aus Material oder thermischer Vorschaden (Trocknung) | alle |
| F7 | A/K-Überlapp < Spez. | Anodenüberhang fehlt → Kantenkontakt, Li-Plating an der Kante | ② ⑥ ⑧ |
| F8 | Dendritenwachstum | Li-Plating (Ladefenster, N/P) → Dendrit durchsticht Separator | ⑦ ⑧ |
| F9 | Flächengewicht | Beschichtungsmasse falsch → Li-Plating | ⑧ |
| F10 | Elektrodendicke | Kalandrierfehler → lokaler Druck, gestörter Lagenaufbau | ② ⑧ |
| F11 | Elektrolytzusammensetzung | Formulierung/Verunreinigung → Nebenreaktionen, Korrosion, Plating | ⑦ ⑧ |
Man sieht es auf einen Blick: Kein einziger dieser Fälle ist Raketenwissenschaft, keiner ist unbeherrschbar. Sieben sind reine Prozessthemen, drei sind „beides“, einer ist primär eine Designentscheidung. Es gibt hier kein physikalisches Mysterium, vor dem die Industrie kapitulieren müsste. Es gibt nur Merkmale, die man hart spezifizieren und hart überwachen muss — oder eben nicht.
6 — Die Schnittkante: lösbar, wenn man will
Nehmen wir F3, die Spanbildung, weil ich das aus eigener Erfahrung bis in die Maschine hinein kenne. Die kritische Stelle ist die Rollenschere. Schneidet sie sauber, ist die Kante sauber. Fängt der Schnittkraftverlauf im Nominaldruckband aber an zu zappeln — ich nenne das gern das EKG der Schere —, dann hast du im Mikrobereich Ausrisse, Späne, lokale Verdichtungen. Und genau die sind dein Separator-Killer unter Quelldruck.

Bei uns war die Lösung damals genau hier: weg von der Nutzung einer einzelnen Feder, hin zum Federpaket — Standfestigkeit der Schneide, Anstellwinkel, Vorschub, Wartungsintervall, und vor allem den Kraftverlauf inline überwachen statt das Schadbild hinterher zu suchen. Das ist beherrschbar. Man muss nur den Arsch hochkriegen.
Es gibt sogar eine normative Hausnummer. IEEE 1625, Abschnitt 5.3.6.2, gibt eine Grat-Mess-Richtlinie vor und verlangt, die Gratgröße gegen die Dickentoleranz des Separators zu bemessen. Klingt sauber. Der Haken: Das misst man nicht vernünftig. Die Separatordicke ist über die Fläche alles andere als konstant, sie gibt unter Druck nach — und damit wird die Referenz, gegen die du den Grat misst, selbst zur Wackelgröße. Messverfahren existieren, aber sie kosten Aufwand. Und Aufwand ist genau das, was in solchen Spezifikationen gern wegrationalisiert wird.
Die Marge, die du im Design verschenkst, kaufst du im Prozess nie wieder zurück.
7 — Technische Sauberkeit: warum die Norm hier nicht denkt — und du musst
Jetzt zu F1, dem leitfähigen Partikel, und zu etwas, das mich seit Jahren ärgert. Die technische Sauberkeit wird in der Automobilwelt über VDA 19.1 / ISO 16232 geregelt. Diese Normen klassifizieren Partikel nach Größenklassen und nach Glanzgrad: „metallisch glänzend“, „nicht metallisch glänzend“, „Fasern“. Für unseren Zweck — interner Kurzschluss in einer Zelle — ist beides der falsche Rahmen. Im Detail:
Die Größenklassen passen nicht zur Physik. Was einen internen Kurzschluss verursacht, ist nicht die Zugehörigkeit zu einer genormten Größenklasse, sondern ob ein leitfähiges Partikel die lokale Separatordicke am konkreten Ort überbrücken kann. Die VDA-Standardanalyse ist auf Partikel ab 50 µm standardisiert — kleinere „nur in besonderen Fällen“. Aber ein Separator ist je nach Bauart deutlich dünner als 30 µm. Ein leitfähiger Span von 15 µm killt einen 12-µm-Separator und sitzt trotzdem unterhalb der Standardbetrachtung. Wer also versucht, „ab welcher Partikelgröße wird’s kritisch“ über die Normklassen zu beantworten, fragt das falsche Raster. Die kritische Größe folgt aus der Separatorgeometrie, nicht aus einem Norm.
Glanz ist nicht Leitfähigkeit. Die Norm unterscheidet „metallisch glänzend“ von „nicht metallisch glänzend“, als wäre das eine Aussage über das Material. Ist es nicht. Es ist eine Aussage über die Optik unter Auflicht — und die Labore sagen das selbst offen: Die Identifikation von Metallen über lichtoptische Methoden ist eine Schätzung, keine belastbare Materialanalyse. Das knallharte Gegenbeispiel: Ein korrodiertes Stahlpartikel zeigt keinen metallischen Glanz und wird im Lichtmikroskop als nicht-metallisch einsortiert — obwohl es elektrisch leitet und damit gefährlich ist. „Metallisch glänzend“ ist eben nicht dasselbe wie „metallisch“, und „metallisch“ ist nicht dasselbe wie „elektrisch leitfähig“. Drei Begriffe, die die Norm fröhlich vermischt. Und dann wird im Design „nach Norm“ gearbeitet.
Wer Partikel nach Glanz und Größenklasse sortiert, sortiert nach Proxys, die am Schadensmechanismus vorbeigehen. Relevant sind nur zwei Dinge: ist das Partikel elektrisch leitfähig, und überbrückt seine Geometrie am konkreten Ort den Separator. Dafür braucht man kein Normbin. Dafür braucht man Hirn.
Das ist der Punkt, an dem man sich eben nicht hinter der Norm verstecken darf. Die Norm ist ein Mess- und Berichtsrahmen, kein Ersatz für die Fehlerphysik. Wer die technische Sauberkeit einer Zelle absichern will, definiert sein eigenes Kriterium — Leitfähigkeit, Geometrie relativ zur lokalen Separatordicke, Lage (aktive Fläche vs. Rand) — und prüft danach. Alles andere ist Klassifikations-Theater.
8 — Die Trocknung: der Schaden, den keiner sieht
Der zweite Mechanismus, der in der öffentlichen Debatte komplett untergeht, weil er kontraintuitiv ist. Der Separator nimmt seinen tödlichen Vorschaden gar nicht an der Schnittkante durch ein Partikel — sondern thermisch, beim Trocknen nach dem Wickeln. Wird die Zelltrocknung zu heiß gefahren, bekommt der Separator lokal Schrumpf, Porenkollaps, im schlimmsten Fall eine feine Perforation. Einen Vorschaden also, den du danach mit keinem Bandende-Test mehr siehst, weil der Stapel zu diesem Zeitpunkt elektrisch noch sauber ist.
Das ist der perfide Fall: Ein Prozessschritt nach dem Wickeln zerstört ein Merkmal, das du vorher abgesichert hattest. Dein gesamter Prüfplan schaut an der falschen Stelle. Die Latenz kommt nicht aus wanderndem Partikel, sondern aus mechanisch-thermischer Vorschädigung, die unter Zyklierung und Quelldruck irgendwann aufreißt — und dann gibt’s den Knall.
Schnittkante und Trocknung führen beide zur selben Flotten-Signatur: latent, losabhängig, per BMS nicht sicher detektierbar. In der PFMEA sind es aber zwei völlig verschiedene Einträge — einmal Charakteristik Reinheit/Geometrie der Schnittkante mit Ursache Rollenschere, einmal Charakteristik Separatorintegrität mit Ursache Trocknungsregime. Wenn die Zelltrocknung nicht als eigene Fehlerursache mit eigener Severity-Kette in der PFMEA steht, fällt der zweite Mechanismus glatt durchs Raster.
9 — Severity: warum das Software-Pflaster grob fahrlässig war
Jetzt versteht man, warum Mercedes zwölf Monate an der Software herumdoktern konnte, ohne je zu konvergieren. In FMEA-Sprache war der ganze BMS-Zirkus der Versuch, eine einzige Spalte zu retten: die Detection. Und das ist nicht nur aussichtslos — bei einem brandauslösenden Mechanismus ist es grob fahrlässig.
Severity bleibt bei „Brand“. Daran ändert keine Software etwas. Die Folge eines internen Kurzschlusses ist und bleibt im schlimmsten Fall das thermische Durchgehen. Severity 10. Endgültig.
Occurrence kriegt man per Software nicht herunter. Der Defekt steckt physisch in der Zelle. Ein Software-Parameter erzeugt keine saubere Schnittkante und heilt keinen perforierten Separator. Die Häufigkeit der Ursache bleibt, wie sie ist.
Detection war nie gut genug — und kann es nicht sein. Und das ist der harte Satz: Kein BMS der Welt fängt einen internen Kurzschluss. Das BMS sieht nachlaufende Symptome — Selbstentladungsdrift, Spannungsanomalien zwischen Zellen — also die Wirkung, nicht die Ursache, und es sieht sie zu spät und zu unzuverlässig, um eine Severity-10-Folge sicher abzuwenden. Wer ein Brandrisiko über die Detection-Spalte „lösen“ will, hat die FMEA nicht verstanden. Man drückt das Restrisiko nicht über Detektion auf null, wenn die Folge ein Fahrzeugbrand in der Tiefgarage ist.
Bleibt am Ende der eine Hebel, der bei einem latenten Hardware-Fehler funktioniert: Occurrence auf null, über den kompletten Tausch der Hardware. Dass das zwölf Monate gedauert hat, ist das eigentlich Schwerwiegende.
10 — Verantwortung
Jetzt wird der Artikel unbequem, und das soll er auch. Die nüchterne Lesart ist nicht „tragischer Materialfehler“. Sie ist: Hier hat jemand ein Sicherheitsmerkmal nicht im Griff gehabt und die Zelle trotzdem freigegeben.
Der OEM hat seinen Lieferanten nicht unter Kontrolle gekriegt — egal, was Farasis im Detail gemacht hat. Und der Lieferant hat im Prozess nicht sauber gearbeitet. Beide Aussagen folgen nicht aus Insiderwissen, sondern aus dem Kompletttausch: Wäre der Mechanismus beherrscht, könnte man screenen. Könnte man screenen, müsste man nicht alles tauschen. Man tauscht alles. Q.E.D.
Und damit man mich nicht falsch versteht: „Zu teuer“ ist in dieser Branche oft nur das Etikett für „den Prozess nicht im Griff“. Ich habe selbst erlebt, wie ein Zulieferer ein Fertigungsproblem lieber aussaß als löste — und wie ein Management den ehrlichen Bericht darüber nicht umsetzte, sondern den abräumte, der ihn geschrieben hatte. Das ist kein Einzelfall. Das ist das Muster, das am Ende ganze Industrien kostet.
Und jetzt der Teil, den die Branche nicht hören will, weil er aus ihrem eigenen Regelwerk kommt. Das VDA-Handbuch zu den besonderen Merkmalen ist an dieser Stelle glasklar:
Ein Merkmal, das man prozessfähig nicht mit typischerweise mindestens Cpk ≥ 1,67 einhalten kann, ist ein besonderes Merkmal — und verlangt 100-%-Kontrolle. Und auch die muss „sitzen“
Für ein brandauslösendes Merkmal — Separatorintegrität, Schnittkantengeometrie, technische Sauberkeit der leitfähigen Partikel — heißt das zwingend: Wenn du es prozessfähig nicht beherrschst, musst du zu 100 % miteinem fähigen Messmittel prüfen. Und genau hier kippt die Sache.
Wer weiß, dass das Merkmal nicht prozessfähig ist, die geforderte 100-%-Kontrolle aber aus Kostengründen weglässt und trotzdem freigibt, handelt nicht mehr nur fahrlässig. Das ist die Grenze, an der Fahrlässigkeit in Richtung Vorsatz wandert.
Die Freigabe einer Zelle, von der man weiß, dass ihr Versagensmechanismus nicht beherrscht ist, ist keine Verwaltungsentscheidung. Es ist die Stelle, an der eine Unterschrift aufhört, eine Formalie zu sein.
Ich formuliere das bewusst als Prinzip, nicht als Anklage gegen eine Person: Wer eine sicherheitskritische Komponente freigibt, im Wissen, dass ein brandauslösender Fehlermechanismus nicht unter Kontrolle ist, übernimmt persönliche Verantwortung. Wenn dann etwas passiert, ist genau das der Punkt, an dem der Sicherheitsverantwortliche nicht mit einem Achselzucken davonkommen sollte. Produkthaftung und billigend in Kauf genommenes Risiko sind keine abstrakten Begriffe — sie haben Namen unter Verträgen und unter Freigaben.
11 — Fazit: das Werkzeug folgt dem Prozess
Der Mercedes-Rückruf ist kein Unglück, das niemand kommen sehen konnte. Er ist ein Lehrstück über Disziplin. Die acht Kurzschlussarten kennt man. Die elf Fehlerfälle kennt man. Die Messverfahren gibt es. Es fehlte nichts an Wissen. Es fehlte wahrscheinlich an der Bereitschaft, dieses Wissen gegen Termin- und Kostendruck durchzusetzen — im Lastenheft und in der Linie.
Eine PFMEA, die die Zelltrocknung nicht als eigene Ursache führt, ist nicht „zu einfach“. Sie ist schlampig gemacht. Eine Sauberkeitsspezifikation, die sich hinter Normgedöns und Glanzgraden versteckt, statt nach Leitfähigkeit und Separatorgeometrie zu fragen, ist nicht „normkonform“. Sie denkt nicht. Und ein Sicherheitskonzept, das ein Brandrisiko an die Detection-Spalte eines BMS delegiert, ist nicht „innovativ“. Es ist grob fahrlässig.
In zu vielen Organisationen folgt der Prozess dem Werkzeug — process follows tool —, und die Administration bekommt Vorrang vor dem ehrlichen ingenieurmäßigen Vorgehen. Genau so produziert man solche Fälle. Es muss andersherum laufen:
Das Werkzeug folgt dem Prozess. Nicht umgekehrt. Alles andere ist Murks.
Methode versagt nicht an fehlender Komplexität. Sie versagt an fehlender Disziplin in der Durchsetzung. Immer.
Quellen & Referenzen
- Santhanagopalan, S.; Ramadass, P.; Zhang, J. (Zhengming): Analysis of internal short-circuit in a lithium ion cell. Journal of Power Sources 194(1), 2009, S. 550–557. DOI 10.1016/j.jpowsour.2009.05.002 — die Vier-Typen-Klassifikation des internen Kurzschlusses.
- IEEE 1625: Standard for Rechargeable Batteries for Multi-Cell Mobile Computing Devices, Abschnitt 5.3.6.2 — Grat-Messung gegen Separator-Dickentoleranz.
- VDA 19.1 / ISO 16232: Technische Sauberkeit funktionsrelevanter Bauteile — Partikel-Klassifizierung nach Größe und Glanzgrad („metallisch glänzend / nicht metallisch glänzend / Fasern“), Standardanalyse ≥ 50 µm. Inkl. der bekannten Einschränkung, dass die lichtoptische Metallerkennung eine Schätzung ist (korrodierter Stahl wird als nicht-metallisch klassifiziert).
- VDA-Band „Besondere Merkmale (BM)“: Prozessfähigkeit, Cpk-Anforderung und 100-%-Kontrolle bei nicht-prozessfähigen besonderen Merkmalen.
- Huang, L. et al.: A review of the internal short circuit mechanism in lithium-ion batteries: inducement, detection and prevention. Int. J. Energy Research, 2021. DOI 10.1002/er.6920.
- Zhang, X. et al.: A comprehensive research on internal short circuits caused by copper particle contaminants on cathode in lithium-ion batteries. eTransportation, 2022 — zu F1 und Li-Dendriten.
- Anodenüberhang & Lithium-Plating: Lithium plating at the cell edge induced by anode overhang during cycling. J. Electrochem. Soc., 2024 — Hintergrund zu F7/F8 und dem ≈ 2 mm Überstand.
- Rückrufdaten: KBA-Referenz 16136R, Hersteller-Rückrufcode 4794004; electrive.net, autohaus.de, ecomento.de zur Tauschaktion EQA/EQB 250+ (Feb. 2026); JESMB zum vorausgegangenen BMS-Update.
Hinweis: Dieser Text ist eine ingenieurmäßige Rekonstruktion aus öffentlich verfügbaren Fakten und allgemeiner Zelltechnik. Mercedes-Benz und Farasis Energy haben den exakten Versagensmechanismus öffentlich nicht über „interner Kurzschluss“ hinaus benannt. Die Zuordnung zu Schnittkante, Trocknung und technischer Sauberkeit ist eine fachliche Einschätzung, keine bestätigte Ursachenangabe.
© Thomas Arends · thomasarends.de · 2026 — Weiterverwendung mit Quellenangabe.